Während andere schliefen, begann für Alexandre Marius Jacob der Arbeitstag. Im Schutz der Dunkelheit brach er zusammen mit seinen Kompanions in die Wohnungen und Villen der Reichen ein, stahl deren Geld, Silber und Gold. Der Meisterdieb im Frankreich an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert schlug meist in der Provinz zu, denn Paris war zu gefährlich. Von der Beute wurde zehn Prozent für den politischen Kampf abgezweigt. „Eigentum ist Diebstahl“, zitiert Jacob als Motto in seinen autobiografischen Aufzeichnungen den Frühsozialisten und Anarchisten Pierre-Joseph Prudhon. Unter dem Titel „Arbeiter der Nacht“ sind sie nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen und es lohnt sich, sie zu lesen.
Geboren 1879 in Marseille wuchs Jacob in ärmlichen Verhältnissen auf und verdingte sich mit zwölf Jahren als Schiffsjunge. Nach sechs abenteuerlichen Jahren auf See (unter anderem als Teil eines Piratenschiffes, das er aber wieder verließ, weil ihm das zu brutal war) kehrte er nach Frankreich zurück und arbeitete als Schriftsetzer. Über einen von seinem Vater angenommenen jungen Mann lernte er die Schriften von Kropotkin, Reclus und Malatesta kennen, die ihn vom Anarchismus überzeugten. Doch Jacob war, wie Andreas Gehrlach im seinem instruktiven Nachwort zu „Arbeiter der Nacht“ schreibt, kein Revolutionär, der mit einer umfassenden Theorie den Umsturz herbeiführen wollte. Aber er sah, dass die, die sich abplacken, die mit ihrem Verdienst kaum ihre Familien durchbringen konnten, diejenigen waren, die arbeiteten. „Die Aktionäre, die absolut gar nichts tun, sind die, die sich am meisten in die Tasche stecken.“ Den Diebstahl von Reichen hielt er deshalb für ethisch gerechtfertigt.
Im Laufe der Jahre wuchs Jacobs Bande auf bis zu vierzig Leuten an. Jeder Einbruch wurde minutiös vorbereitet. Eine Eisenwarenhandlung wurde extra gegründet, um die neuesten Tresore bestellen und deren Sicherheitsmechanismen studieren zu können. Eine kleine Metallgießerei sorgte für das Einschmelzen von Silber und Gold; vertrauenswürdige Mittelsmänner für den Verkauf der erbeuteten Wertpapiere. Doch das Leben als „Arbeiter der Nacht“ hatte seinen Preis. Es fielen hohe Kosten für Reisen und Unterkunft an, denn die Wohnungen und Häuser der Reichen musste lange vor dem Einbruch unauffällig ausgespäht werden. Entscheidend für das Ende der Bande war aber, dass Jakob und seine Leute immer wieder verhaftet wurden und im Gefängnis landeten. Bei seinem letzten Einbruch wurden bei einem Schusswechsel zwei Polizisten getötet und Jakob und zwei seiner Mitstreiter landeten auf der berüchtigten Gefängnisinsel Île du Diable vor französisch Guyana. Jacob war der einzige, der die Haft aufgrund von Glück und eines unermüdlichen Kampfes um Rückführung nach Frankreich überlebte. Wahrscheinlich hatte die französische Regierung Angst, dass sonst die katastrophalen Haftbedingungen auf der „Teufelsinsel“ zu sehr publik würden; jedes Jahr starben dort hunderte Häftlinge an Krankheiten und Erschöpfung.
Vor Gericht kamen 150 Einbrüche der Bande, aber man schätzt, dass bis zu tausend auf ihr Konto gehen. Bereits zu seiner aktiven Zeit war Alexandre Marius Jacob ein Medienstar, über den in allen Zeitungen berichtet wurde. Angeblich soll er Maurice Leblanc zu seiner Figur des Meisterdiebs Arsène Lupin inspiriert haben. Aber im Gegensatz zu Lupin, der – wie Andreas Gehrlach im Nachwort schreibt -, „eher aus ästhetischen denn aus ethischen Gründen“ das Töten bei seiner Arbeit ablehnte, hielt Jacob die zu Tode gekommenen Polizisten für einen Kollateralschaden. „Manchmal hat es seinen Preis, die Reichen zu verteidigen. Berufsrisiko, wie bei mir auch, wenn ich meinen Krieg gegen sie führe. Und: „Wenn ich mich nicht verteidigte, würden sie mir das Leben oder die Freiheit nehmen, was auf dasselbe hinausläuft. … Ich töte nicht aus Lust am Töten. Das passt zu den anständigen Leuten, den Soldaten zum Beispiel. Ein Bandit denkt und handelt anders.“
Die autobiografischen Aufzeichnungen, „Arbeiter der Nacht“, beschreiben Jacobs letzten Einbruch, seine Flucht und seine Festnahme. In einer Mischung aus philosophischer Reflexion über die Ungerechtigkeit des Kapitalismus und die Brutalität des kolonialen Frankreichs, den Widerstand dagegen und spannendem Krimi zeigt sich Jacob nicht nur als genialer Einbrecher, sondern auch als ausgezeichneten Autor. Seinen Beruf als „Arbeiter der Nacht“ gibt er nach seiner Gefangenschaft auf. „Ich glaube nicht“, schreibt er, „dass die Illegalität in der gegenwärtigen Gesellschaft das Individuum befreien kann. Wenn es ihm durch dieses Mittel auch gelingt, sich von einigen Knechtdiensten zu befreien, so bürdet ihm der Kampf andere, noch schwere auf. Am Ende bezahlt er mit dem Verlust der Freiheit.“ Eine Einsicht, die allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass auch heute noch ein kleiner Teil der Menschheit auf Kosten der großen Mehrheit lebt.