Catherine Guérard: Renata wasweißich

In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es vor allem um die Befreiung von allen möglichen gesellschaftlichen Zwängen. Dabei stand die Befreiung von entfremdeter Arbeit ganz oben auf der Agenda. Auch Catherine Guérards „Renata wasweißich“, 1967 im französischen Original erschienen, befindet sich in der Tradition dieser Zeit. Der Roman, von Olga Radetzkaja überzeugend übersetzt, liegt nun zum ersten Mal auf Deutsch vor. In einer Mischung aus Stream of Conciousness und direkter Rede erzählt darin eine junge Frau ihre Geschichte

„Renata wasweißich“, wie sie später einmal sagt, arbeitet als Haushaltshilfe bei „Madame und Monsieur“. Als sie eines Tages kündigt, ist die Überraschung groß. Auf die erstaunte Frage ihrer Arbeitgeber nach dem Warum, gibt sie keine Antwort. Dem Einwand, man müsse doch Geld verdienen, außer man heiße Rothschild (aber auch die müssten ja schließlich arbeiten), erwidert sie, „dafür kommen wir also auf die Welt … für die Galeere“. Am Ende hilft ihr Madame, ihre Siebensachen, darunter ein Stapel Liebesbriefe, in drei Pappkartons zu packen und mit Schnüren zu umwickeln, denn einen Koffer will sie nicht. „Klar wäre ein Koffer besser, aber ein Koffer ist dafür da, dass man Sachen von einem Ort zu anderen bringt, und ich will meine Sachen ja von einem Ort zu keinem Ort bringen, da wäre ein Koffer nicht das Richtige.“

Der Moment des Ausbruchs, der Selbstbefreiung aus dem immergleichen (Arbeits-)Leben, aktiviert in Renata Energien, die alle Überlegungen über den Grenzen der Freiheit über den Haufen werfen. Ohne die Folgen zu bedenken, zieht sie einfach los. Nur die Fragen nerven sie. Sie beantwortet sie entweder gar nicht, oder mit Lügen. „Wozu überhaupt die ganze Fragerei im Leben, dachte ich, wenn die Leute keine Fragen stellen würden, bräuchte man nicht zu lügen“. Es sind banale Probleme, über die sie sich dann ärgert: dass es zu wenig Platz für ihre Kartons im Bus gibt oder der Schaffner sie fragt, wohin sie fahren will. In einem Park, in dem sie für einen der Stühle bezahlen soll, die eine Frau vermietet, wird sie als Clochard beschimpft, der sie nicht sein will. „Also heißt frei sein dass man ständig unglücklich ist, dass man beschimpft wird, und ich dachte Wer für einen Chef arbeitet und wer Geld verdient, der wird nicht beschimpft.“

Am Ende dann beginnt es zu regnen, und die Kartons fangen an, Feuchtigkeit aufzusaugen. Renata umwickelt sie mit Zeitungspapier und spätestens ab diesem Punkt wird klar, dass es Catherine Guérard nicht nur um die Frage der Freiheit geht; sondern auch um die Frage, weshalb zum Beispiel sogenannte „Bag Woman“, wie sie in den USA genannt werden, obdachlose Frauen, die mit einem Einkaufswagen voller gefüllter Tüten durch die Stadt ziehen, warum diese Frauen trotz aller Widrigkeiten ihres Alltags ihr Leben nicht aufgeben wollen. Warum sie die Hilfe, die ihnen angeboten wird, meist ablehnen: Weil Hilfe vor allem ihre Souveränität, ihre Freiheit in Frage stellen würde.

Worauf Catherine Guérard hinaus will, wird in „Renata wasweißich“ schnell deutlich. Manche Wendung der Geschichte erscheint deshalb überflüssig, auch wenn die Übertreibung durch Wiederholung das Problem deutlicher werden lässt. Vielleicht könnte man „Renata wasweißich“ aber auch anders lesen. Denn das letzte, was Renata hergeben würde, ist das Paket mit den Liebesbriefen. Das ist einerseits verständlich, weil sie offenbar die Verbindung zu einer großen Liebe darstellen; andererseits rätselhaft, denn der Leser erfährt über Renatas Geliebten außer seinem Namen nichts. Zusammen mit der Widmung des Romans – „für François“ –, könnte man „Renata wasweißich“ deshalb auch als Brief lesen. Als Brief an François, hinter dem sich François Mitterand verbirgt, dem zeitweisen Geliebten von Catherine Guérard, der später Präsident Frankreichs wurde.