Robert Seethaler: Die Straße

Der Plot von Robert Seethalers neuem Roman „Die Straße“ ist so einfach wie seine Schreibweise. In kurzen, nie länger als ein paar Seiten langen Abschnitten, lässt er die Bewohner einer Straße zu Wort kommen. Manchmal ist es so, als höre man zwei Passanten bei einem Gespräch auf der Straße zu; manchmal scheinen es die inneren Stimmen von Menschen in ihren Wohnungen zu sein. Es ist die grenzenlose Vielfalt der Biografien, von Erfahrungen, Meinungen und Blicken auf die Welt; kurz „Die Straße“ ist Ausdruck der Faszination über der Fülle des menschlichen Lebens.

Da ist zum Beispiel der Büchersammler, der am Ende seines Lebens für seine siebzehntausend Bücher im Souterrain eines Hauses ein Antiquariat eröffnet. Schon in den 1990er Jahren, in denen das Leben der Straße über ein Jahr lang geschildert wird, war der Verkauf von Büchern nicht einfach. Außerdem sind Feuchtigkeit und der Bücherwurm ein Problem, aber dann, am Ende eines Tages, sind sechundzwanzig Bücher verkauft, „und die Auslagenscheiben geputzt, sodass kein Stäubchen mehr zu sehen ist. Ansonsten lasse ich die Dinge auf mich zukommen. Ich bin glücklich.“ Der Allgemeinarzt Dr. Aysal, der mehrere Male auftaucht, reibt sich für seine Patienten auf, lebt allein und trinkt „ein bisschen zu viel“. Zur Mittagszeit sitzt er im „Südstern“, immer am selben Platz, und wählt das Mittagsmenü; spät abends dann findet man ihn oft im „Goldenen Mond“. Als eine Mutter mit ihrem gelb angelaufenen Säugling in seine Praxis kommt, fragt er sie, warum sie nicht früher gekommen sei und überweist das Kind sofort ins Krankenhaus. Dort stirbt es dann an einer Lebererkrankung. Aber das wird nur kurz erwähnt, das Leben in der Straße geht weiter. Eine Blumenhändlerin wird nach einem Selbstmordversuch gerade noch rechtzeitig auf dem Boden ihres Ladens gefunden, überdeckt mit 150 nie abgeschickten, ausführlich im Roman zitierten Liebesbriefen. Der Mann, an den sie gerichtet sind, ein Reifenhändler, hat nie etwas von ihrer Liebe erfahren und wird von anderen für einen Aufschneider und Blender gehalten. Und weiter hinten im Roman steht ein Herr, dessen Wohnung zwangsgeräumt wurde, vor dem Haus, in dem er einmal gewohnt hat. Als es zu regnen beginnt, holt er einen Regenschirm aus einer Kiste. „Es war ein rosaroter Kinderschirm mit Mickymäusen drauf. Als der Lkw abfuhr, stand er noch lange da, mit rosa beschattetem Gesicht unter den tanzenden Mäusen.“

Kitsch und Tod liegen hier dicht beieinander und verfehlen ihre Wirkung nicht: „Die Straße“ steht auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste. Den nach Seethalers eigener Schätzung rund 300 Stimmen bleiben auf den 240 Seiten nur wenig Raum um sich zu entfalten. Dabei hätten viele Ereignisse und Figuren das Zeug zu einem ganzen Roman. In früheren Büchern Seethalers, wie z.B. in „Der Traffikant“, der ihn bekannt gemacht hat, waren die Figuren noch langsam und ausführlich entwickelt worden. Auch in „Das Feld“ sind es ganze Kapitel, in denen die Stimmen der Toten auf einem Friedhof erzählen. In „Die Straße“ werden die Menschen, ihre Sehnsüchte, ihre Widersprüche und ihre Fehler auf wenige Sätze reduziert.

Das vermittelt oft den Eindruck von Tratsch und endet nicht selten in Klischees. Da ist der „schwitzende Politiker“, nach dessen erwartet selbstgefälligen Rede auf dem Straßenfest „der Himmel“ aufbricht „und die Sonne“ hervorkommt. Da ist der Chef einer Immobilienfirma, der seinen zögernden Mitarbeiter beauftragt, Mieter mit perfiden Strategien aus einem Haus zu schmeißen. Auch die Stimmen aus dem Altenheim „Abendschein“, die sich – ja welch eine Überraschung! – über das Essen beschweren, klingen wie eine Mischung aus „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ und Heinz Erhardt: „Morgen werde ich der Heimleitung einen Brief schreiben. Es ist nie zu spät für den Aufstand“. Das ist natürlich Rollenprosa, und ja, es ist die knallharte Wirklichkeit, nur: Will und sollte man das in einem Roman lesen?

„Die Straße“ ist wie ein Wimmelbild für Erwachsene. Ecken und Kanten des Lebens sind so abgeschliffen, dass sie niemanden mehr wehtun. Abgründiges kommt zwar vor, aber von den dramatischen Folgen erfährt man so gut wie nichts. Die Kombination aus Kitsch und Tod in Verbindung mit religiösen Motiven machen das Buch dann letztlich zu einem Erbauungstext für Mühselige und Beladene. Ein Erbauungstext, der Trost spendet, allerdings einen inoffiziellen Trost, so wie der immer wieder erwähnte Heilige Jolander ein inoffizieller Heiliger ist, den es gemäß der offizieller Heiligsprechung gar nicht gibt. Seine am Rand der Straße stehende Skulptur soll gerüchteweise aus Yton-Steinen in den 1970er Jahren im Rahmen des Kunstunterrichts von Berufsschülern geschaffen worden sein und den Obdachlosen Paul Otto Sedlak darstellen. Aber einer, der immer wieder zu Wort kommt, glaubt innig an ihn: „Heiliger Jolander, bitt für mich, denn ich ritze ihren Namen in unseren Hausflur … Marija am Treppenabsatz, Marija am Geländer, Marija neben den Briefkästen, … Marija an ihrer Tür, ganz klein und zart, in Bodennähe, wo nur ich es sehen kann.“