Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben

Die Banlieu von Paris hat keinen guten Ruf. Die Bilder, die vor ein paar Jahren im Internet und auf den Fernsehbildschirmen kursierten, zeigten eine Kampfzone: brennende Autos zwischen riesigen Wohnkomplexen. Wie alles ganz anders, aber nicht unbedingt besser war, erzählt Mokhtar Amoudi in „Ein ziemlich anderes Leben“. Ein Debütroman, der in Frankreich mit dem „Prix Goncourt des lycéens“ ausgezeichnet wurde.

Schon der Anfang ist, wie vieles in dieser auf den eigenen Erfahrungen von Amoudi basierenden Geschichte, von Glück und Zufällen geprägt. Skander, der Held und Ich-Erzähler, lebt in Coursein, einem fiktiven Vorort von Paris, bei seiner drogenkranken aus Algerien stammenden Mutter. Als er sich in der Ambulanz des örtlichen Krankenhauses eine Platzwunde nähen lässt, fällt er dem Arzt auf. Eine Psychologin befragt ihn und schaltet die Jugendfürsorge ein, die ihn bei einer Pflegefamilie unterbringt. Nachdem er dort rausgeflogen ist, landet er bei Madame Khadija, einer marokkanischen Migrantin, die davon lebt, für das Jugendamt Kinder zu betreuen. Doch trotz des Hin- und Her bekommt er in der Schule gute Noten und wird zum Hoffnungsträger des Jugendamtes.

Aber auch bei Madame Khadija ist das Leben nicht einfach. Schnell verliert Skander seine letzten Illusionen. Chorba, ein anderes ihrer Pflegekinder, rückt sein Bild von ihr zurecht. Chorbas Vater war einmal mit Khadija zusammen, behauptet er; sie wollten sogar heiraten. Aber auch der Vater von Chorba bezahlt Khadija dafür, dass sie sich um ihn kümmert. Immer dann, wenn die Zahlungen ausbleiben – und das kommt öfter vor – muss Chorba gehen. „Aber wenn sie dich liebt, ist das mit dem Unterhalt doch gar nicht wichtig.“, sagt Skander. „Du laberst vielleicht einen Scheiß, Mann“, antwortet Chorba. „Du wirst nie mehr sein als ein Gehaltsscheck, vergiss das nie!“

Und doch ist es bei Madame Khadija immer noch besser als bei seiner Mutter, die immer mehr abdreht und die Nachbarn in ihrem Wohnblock terrorisiert. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis von Fleury wird es nochmals schlimmer. „Man musste sie einmal während einer ihrer immer häufiger werden depressiven Krisen erlebt haben. Dann brüllte sie: »Ich bin eine Terroristin! Ich bin Bin Laden!«“ Mit Skanders Älterwerden lässt das Verständnis der Nachbarn ihm gegenüber nach. „Ihr Geschrei und ihre Schulden wurden mir angekreidet. Das kleine Kind, das man bedauerte, funktionierte nicht mehr als Entschuldigung. Es war gestorben, irgendwo zwischen Fleury und dem 11. September.“

Doch dann lernt er zufällig in einem Kinderheim, in das er ein anderes Pflegekind bei einem Besuch von dessen Bruder begleitet soll, einen Professor aus Paris kennen. Der Soziologe hatte dort unter den Kinder und Jugendlichen eine Befragungen durchgeführt. Er kommt mit Skander ins Gespräch und lädt ihn zu einer Party nach Paris ein. Unter den Künstlern und Intellektuellen, in der großen Wohnung des Professors, ist er dann der Exot, für den sich alle interessieren. Es ist der erste Kontakt mit dem ziemlich anderen Leben, das zwar nicht ehrlicher ist, als das in Courseine, das ihn aber beeindruckt und besser vorkommt. Besser zumindest als sich mit anderen zu prügeln, weil man sonst unter ihnen den Respekt verliert. Oder darauf zu achten, dass man die richtige Kleidung trägt und die Haare nicht zu lang wachsen lässt. Und besser auch als wegen Dorgenhandels im Knast zu landen, was Skander gerade noch mal einmal erspart bleibt. Mit Unterstützung seines Professorenfreundes bekommt er dann noch einmal eine letzte Chance.

„Ein ziemlich anderes Leben“ ist eine gut erzählte Geschichte über das Aufwachsen in der Pariser Banlieue. Mokhtar Amoudi weiß, wovon er erzählt, schildert die Widersprüche der Jugendfürsorge, die Enttäuschung über der Erwachsenen und die Gewalt unter den Jugendlichen. Sein autobiografischer Roman vermittelt keine Illusionen. „Was hätte ich dafür gegeben, woanders geboren zu sein“, sagt Skander, als er endlich seinen leiblichen Vater aus Algerien kennenlernt. Denn auch der ist nur eine einzige Enttäuschung.