Mathieu Belezi: Erde und Sonne angreifen

Vor gar nicht so langer Zeit gab es auch im Westen eine „militärische Spezialoperation“, einen Krieg, der offiziell kein Krieg genannt werden durfte. Für die staatlichen Organe war er so sehr kein Krieg, so inexistent, dass nach seinem Ende den Veteranen der Veteranenstatus und die damit verbundene staatliche Unterstützung verwehrt wurde. Gemeint ist der Algerienkrieg, der von 1954 bis 1962 konservativen Schätzung nach 350.000 Algeriern und 30.000 französischen Soldaten das Leben gekostet hat. Erst ab 1999 durfte offiziell von Krieg gesprochen werden. Und im Präsidentschaftswahlkampf 2012 entschuldigte sich Nicolas Sarkozy zwar, aber nicht bei den Algerien, sondern bei den Harkis, die auf Seiten Frankreichs gegen die Unabhängigkeit Algeriens gekämpft hatten. Um am Ende zu sagen: „Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben.“

Im Gegensatz zum offiziellen Schweigen und der Verharmlosung hat es in der Literatur schon immer Autoren gegeben, die von den Verbrechen der Kolonialisierung und des Krieges erzählt haben. Aber ein Roman wie „Adieu Paris“ von Daniel Anselm, der 1957 erschien und von drei Rekruten auf Urlaub erzählt, wurde nur wenig gelesen und schnell wieder vergessen. Man wollte nichts wissen von den Nöten der drei jungen Männer, die auf Urlaub in Paris nur auf Ignoranz von Freunden und Familie gegenüber ihren schrecklichen Kriegserfahrungen stoßen. Erst in jüngerer Zeit wird das Thema der Kolonialkriege in Frankreich breiter wahrgenommen. Der jetzt auf Deutsch erschiene Roman „Erde und Sonne angreifen“ von Mathieu Belezi gehört dazu. Schonungslos erzählt er über die Anfänge der Kolonisierung und die Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung.

Dabei nimmt Belezi mit seinen beiden Erzählstimmen jeweils eine radikal subjektive Position ein. In einem atemlosen, nur durch Kapitel, Absätze und Gedankenstriche strukturierten Text erzählen ein Soldat und eine junge Frau von ihren Erlebnissen im Algerien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jeweils unter der Kapitelüberschrift „(Harte Arbeit)“ berichte Séraphine Jouhaud von den Strapazen in einer Kolonie, die nie so genannt werden durfte; Algerien galt als Teil von Frankreich und alle Algerier hatten einen französischen Pass. Von dem Versprechen der Regierung auf ein besseres Leben bleibt den Siedlern so gut wie nichts. Denn dort, wo ihnen jeweils sieben Hektar Land zugeteilt wurde, gibt es nicht nur steinigen Boden, brütend heiße Sommer und eiskalte Winter, sondern auch Löwen, Giftschlangen und die einheimische Bevölkerung, die nicht immer nur zusieht, wenn man ihr das Land wegnimmt. Am schlimmsten aber sind die Krankheiten, wie Malaria und Typhus, die fast die Hälfte der Kolonisten in Séraphines Dorf auslöschen.

Die andere Stimme, ein namenloser Soldat, schildert unter der Überschrift „(Blutbad)“, wie der sadistischer Hauptmann seiner Einheit seine Soldaten zu immer brutaleren Gewalttaten animiert. Immer wieder töten sie Männer und vergewaltigen Frauen aus den Bergdörfern, die sie angeblich „befrieden“ sollen. Mordend und brandschatzend zieht die Truppe durch das Land, während gleichzeitig das Dorf von Séraphine von arabischen Kämpfern attackiert wird. Einen der Angriffe überleben die Einwohner nur, weil ihnen in letzter Minute weitere Soldaten zur Hilfe kommen.

Belezi erzählt mit drastischen Schilderungen von den Verbrechen, die die Franzosen in Algerien begangen haben. Seine atemlose Schreibweise zieht den Leser durch den Roman. Aber es ist wie bei den amerikanischen Antikriegsfilmen, die in Vietnam spielen: Die Opfer bleiben gesichtslos, kommen nur am Rande vor. Auch in „Erde und Sonne angreifen“ gibt es keine Stimme, die aus der Perspektive der Berber erzählt, in deren Gebiet in den Bergen sich die Gruppe von Siedlern und Soldaten befindet. Vielleicht hatte Belezi das Gefühl, es sei anmaßend, sich in die Opfer, die Fremden hineinzuversetzen. Wobei ihm die Perspektiven der Siedler und Soldaten im Algerien des 19. Jahrhunderts genauso fremd gewesen sein dürften.

Was „Erde und Sonne angreifen“ aber auf jeden Fall leistet ist zu differenzieren. Die „Pied Noir“, wie die algerischen Kolonisten in Frankreich genannt werden, waren nicht nur die tumben, gewalttätigen Kleinbürger, als die sie in „Adieu Paris“ von Daniel Anselm dargestellt werden; sondern sie waren gleichzeitig Opfer eines Staates, der ohne Rücksicht auf Verluste Algerien erobern wollte. Und dazu nicht davor zurückschreckte, die zumeist aus armen Verhältnissen stammenden Franzosen zu missbrauchen.