Das Exil ist ein universeller Ort. Nicht nur die, die aus ihren Heimatländern vertrieben worden sind, wissen, was es heißt, in der Fremde leben zu müssen. Jeder, der irgendwann und irgendwo einmal seine ursprüngliche Welt verlassen hat, kennt das Gefühl, alles hinter sich gelassen zu haben und in der Fremde neu anfangen zu müssen. Auch wenn es ein großer Unterschied ist, ob man zum Exil gezwungen wird oder ob man in der eigenen Kultur und Sprache mehr oder weniger freiwillig zum Außenseiter wird – das Verständnis des Exils ist universell. Von daher ist Reza Ghassemis Roman „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ ein universeller Roman, obwohl er eine lokal begrenzte, von ganz eigentümlichen Figuren bevölkerte Geschichte erzählt.
Es sind die 1990er Jahre, Ort der Handlung ist der sechste Stock eines Pariser Mietshauses. In den sogenannten „Chambre de Bonne“, den Zimmern unter dem Dach ohne Küche und Bad mit Gemeinschaftstoilette auf der Etage, waren im 19. und frühem 20. Jahrhundert das Dienstpersonal untergebracht. Die meisten der Bewohner sind Flüchtlinge aus dem Iran, aber es gibt auch einen tschechischen Cellisten und eine französische Schreinerin. Der Hausbesitzer, ein 88-jähriger ehemaliger Arzt, Widerstandskämpfer und Kommunist, vermietet die Zimmer ohne Fragen nach Herkunft und Papieren. Und er nimmt nur so viel Miete, wie seine Mieter aufbringen können. „Ein Geschenk des Himmels“, meint Yallodah, Ghassemis Ich-Erzähler, der sich als Künstler durchs Leben schlägt.
Doch die Wände sind dünn, die Balken und Dielen alt. Nachts, wenn Yadollah an seinen Bildern arbeitet, erscheinen ihm die Geräusche aus den Nachbarzimmern, das Knarzen der Dielen und Balken, wie ein „Holzorchester“. Dessen „Harmonie“ wird eines Tages durch den erst kurz zuvor eingezogenen religiösen Mitbewohner, den Yadollah „Prophet“ nennt, gestört. Völlig unvermittelt stürzt er aus seinem Zimmer, hält Seyyed, dem direkten Nachbarn und Freund von Yadollah, ein Messer an die Kehle und schreit: „Wo ist Mehdi“. Das Schlimmste kann gerade noch verhindert werden, aber warum ist Prophet so ausgerastet, und wer ist Mehdi?
Es ist, als wenn die Schatten der Vergangenheit Yadollah einholen. Vor den religiösen Fanatikern aus dem Iran geflohen, ziehen sie nun bei ihm gegenüber ein. Aber nicht nur das macht ihm das Leben zur Hölle. Auch die Liebe leidet unter der Situation. Während sein Freund Seyyed, der Womanizer, zu viele Möglichkeiten hat und sich nicht entscheiden kann, hat Yadollah sein Glück immer wieder fortgestoßen, wie er selbstkritisch anmerkt. Was nicht unmittelbar am Elend des Exils liegt, aber durchaus von ihm beeinflusst ist. Immerhin, im Spiegel in seinem Zimmer ist er nicht zu sehen, was bedeutet, dass er noch lebt. Denn sein Spiegel zeigt nur tote Gegenstände.
Als dann auch noch Faust aus Friedrich Wilhelm Murnaus gleichnamigen expressionistischem Stummfilm auftaucht, wird es endgültige irreal. Er wirft Ghassemis Held und Erzähler vor, er hätte all das schon in einem Buch mit dem Titel „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ beschrieben. Ja, das stimme, sagt Yadollah. Aber seine Versicherung, dass er das Buch nie veröffentlicht habe, nimmt Faust ihm nicht ab. Frustriert sagt Yadollah am Ende: „»Hier ist es ja genau wie in jenem Drecksloch!« Murnaus Faust schloss sein Heft und funkelte mich böse an: »Zur Strafe werden Sie zurückgeschickt in genau jenes Inferno!«“
Reza Ghassemi, der selbst aus dem Iran flüchten musste und seit 1986 in Paris lebt, hat „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ bereits 1996 in einem amerikanischen Exilverlag veröffentlicht. Dass der Roman erst jetzt auf Deutsch erscheint, verwundert, aber jedes Buch, das nicht in einer der großen westlichen Sprachen geschrieben ist, hat es schwer, übersetzt zu werden. Dabei ist „Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters“ ein großartiger Roman, der anhand der Geschichte einer sechsten Etage in einem Pariser Mietshauses das ganze Elend des Exils, in das Yadollah von Murnaus Faust zurückgeschickt wird, in all seiner Widersprüchlichkeit und Komplexität erzählt. Man spürt, dass Ghassemis Erzähler selbst für Prophet nicht alle Sympathien verloren hat, vor allem aber nicht für die anderen Bewohner der Etage, die alle unter der Situation leiden, während sie gleichzeitig den Anderen das Leben zur Hölle machen. Ein Roman, von dem man sagen könnte, er enthielte Elemente des magischen Realismus, wenn Ghassemi nicht aus dem Orient käme, wo bereits seit Jahrhunderten fliegende Teppiche die Erzählungen auf das Wunderbarste beflügeln.