Lutz Seiler: Das tickende Herz

Die Krise als Motor, die Angst als Quelle des Erzählens, das hatten schon die Erzähler von „Tausendundeiner Nacht“ verstanden, und schufen die Figur der Scheherazade, die der Sultan nur am Leben lässt, weil er in der nächsten Nacht wissen will, wie die Geschichte weiter geht. Auch „Das tickende Herz“, Lutz Seilers neuer Roman um sein Alter Ego Carl Bischof, beginnt mit einem Ausnahmezustand. In „Kruso“ war es der Tod der Freundin, in „Stern 111“ die Wende, nach der Carls Eltern plötzlich und für ihn völlig überraschend in die USA auswanderten. In „Das tickende Herz“ wankt der Boden unter den Füßen von Carls prekärer Existenz nachdem es mit seiner Freundin Alma zu Ende geht. Sein größter Wunsch, als Dichter anerkannt zu werden, hat sich immer noch nicht erfüllt. Zurückgelassen in der gemeinsamen Wohnung, fragt er sich, „ob Alma ihn erfunden hatte mit ihrer Liebe – und ob er jetzt also nur noch ein Geist war, ein Schatten der Vergangenheit, irgendwie übrig geblieben, ohne eigene Substanz.“

Carl erinnert sich an seine Maurerlehre, die er vor dem Studium absolviert hatte. Über eine Anzeige, in der er seine Dienste anbietet, bekommt er kleinere Aufträge, die ihn finanziell aber auch emotional über Wasser halten. Die Erschöpfung am Abend, die Selbstverständlichkeit von Sinn und Ethos guter Arbeit haben eine stabilisierende Wirkung auf ihn. Bis dann ein kleiner Neuköllner Verlag einen Gedichtband von ihm herausbringt. Plötzlich wird Carl auf Lesungen eingeladen, wird als „Dichter“ vorgestellt. Aber irgendwie nagt der Zweifel weiter an ihm, denn was sind schon Gedichte, wer liest sie überhaupt? Seine Eltern zumindest, die inzwischen aus den USA zurückgekehrt sind, kommen in Abendgarderobe in das kalte zugige Straßenbahndepot, in dem seine erste Lesung stattfindet; offenbar haben sie etwas anderes erwartet.

In Amsterdam, auf dem weltweit größten Lyrikfestival, auf dem alle großen Namen auftreten, lernt Carl die Übersetzerin Anna Gabyshewa, genannt Aysha, kennen. Sie lebt in Litauen, kommt aber ursprünglich aus Kasachstan, aus der Steppe, dort, wo in der Zeit der Sowjetunion Atomwaffentests durchgeführt wurden. Ihr Vater ist ein „Bakshy“, ein Schamane und Oberhaupt eines Clans. Mit Carl verbindet sie nicht nur das Interesse an Lyrik, sondern auch die Radioaktivität, der auch Carl während seiner Kindheit in Thüringen, im Gebiet des Uranbergbaus, ausgesetzt war. Er verliebt sich in Aysha, doch zunächst passiert nichts zwischen ihnen. Aber dann lädt Aysha Carl überraschend zu einer Lesung nach Litauen ein, dort wo sie lebt, wohin sie nach einem Aufenthalt in den USA gezogen ist.

„Das tickende Herz“ unterscheidet sich von „Kruso“ und „Stern 111“ in einem wichtigen Punkt. Weder Ed in „Kruso“ noch Carl in „Stern 111“ können ihre Träume verwirklichen. In „Das tickende Herz“ wird Carl nicht nur nach und nach zu einem anerkannten Dichter, sondern er kann auch seine Liebe zu Aysha verwirklichen. Eine Liebe, die für den Leser nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist, die zuweilen trotz verschiedener erzählerischer Vorkehrungen wie ein Klischee wirkt. Denn einerseits nennt Carl Aysha immer wieder wegen ihrer Fellstiefel „die Fellfrau“ und baut dadurch für den Leser (und wohl auch für sich) eine Distanz zu ihr auf. Andererseits erscheint sie als osteuropäisch-asiatischen Schönheit wie sie im Buche steht mit ihrer eher altmodischen Kleidung, dem Bruder, der Probleme wie ein Vater löst und die Faszination des Exotischen; wirkliche Konturen als Frau bekommt sie dagegen nicht. Gerettet wird das Ganze erzählerisch dann in dem Moment, in dem der Vater von Aysha schwer erkrankt, sie die Nachfolge antreten muss und das Ganze für Carl bei einem Besuch in Kasachstan zum Desaster wird.

„Das tickende Herz“ ist der Roman einer unmöglichen Liebe. Gleichzeitig kann man ihn als Unterweltsfahrt des Dichters Carl Bischof lesen, bei der Carl die Rolle des Orpheus einnimmt und Aysha die Eurydikes. Gedichte haben oft magische Elemente wie im Schamanismus. Das ist einer der Punkte, die Carl und Aysha verbinden. Aber letztlich hat das Magische in Gedichten in der westlichen Zivilisation andere Grenzen als im Schamanismus der zentralasiatischen Stammesgesellschaften. Davon erzählt Lutz Seilers Roman, auch wenn er letztlich nicht so überzeugt wie seine beiden Vorgänger.