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	<title>Der Literaturfreund</title>
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		<title>Lutz Seiler: Das tickende Herz</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/09/23/lutz-seiler-das-tickende-herz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Sep 2026 08:13:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Krise als Motor, die Angst als Quelle des Erzählens, das hatten schon die Erzähler von „Tausendundeiner Nacht“ verstanden, und schufen die Figur der Scheherazade, die der Sultan nur am Leben lässt, weil er in der nächsten Nacht wissen will, wie die Geschichte weiter geht. Auch „Das tickende Herz“, Lutz Seilers neuer Roman um sein Alter Ego Carl Bischof, beginnt mit einem Ausnahmezustand. In „Kruso“ war es der Tod der Freundin, in „Stern 111“ die Wende, nach der Carls Eltern plötzlich und für ihn völlig überraschend in die USA auswanderten. In „Das tickende Herz“ wankt der Boden unter den Füßen von Carls prekärer Existenz nachdem es mit seiner Freundin Alma zu Ende geht. Sein größter Wunsch, als Dichter anerkannt zu werden, hat sich immer noch nicht erfüllt. Zurückgelassen in der gemeinsamen Wohnung, fragt er sich, „ob Alma ihn erfunden hatte mit ihrer Liebe &#8211; und ob er jetzt also nur noch ein Geist war, ein Schatten der Vergangenheit, irgendwie übrig geblieben, ohne eigene Substanz.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Carl erinnert sich an seine Maurerlehre, die er vor dem Studium absolviert hatte. Über eine Anzeige, in der er seine Dienste anbietet, bekommt er kleinere Aufträge, die ihn finanziell aber auch emotional über Wasser halten. Die Erschöpfung am Abend, die Selbstverständlichkeit von Sinn und Ethos guter Arbeit haben eine stabilisierende Wirkung auf ihn. Bis dann ein kleiner Neuköllner Verlag einen Gedichtband von ihm herausbringt. Plötzlich wird Carl auf Lesungen eingeladen, wird als „Dichter“ vorgestellt. Aber irgendwie nagt der Zweifel weiter an ihm, denn was sind schon Gedichte, wer liest sie überhaupt? Seine Eltern zumindest, die inzwischen aus den USA zurückgekehrt sind, kommen in Abendgarderobe in das kalte zugige Straßenbahndepot, in dem seine erste Lesung stattfindet; offenbar haben sie etwas anderes erwartet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Amsterdam, auf dem weltweit größten Lyrikfestival, auf dem alle großen Namen auftreten, lernt Carl die Übersetzerin Anna Gabyshewa, genannt Aysha, kennen. Sie lebt in Litauen, kommt aber ursprünglich aus Kasachstan, aus der Steppe, dort, wo in der Zeit der Sowjetunion Atomwaffentests durchgeführt wurden. Ihr Vater ist ein „Bakshy“, ein Schamane und Oberhaupt eines Clans. Mit Carl verbindet sie nicht nur das Interesse an Lyrik, sondern auch die Radioaktivität, der auch Carl während seiner Kindheit in Thüringen, im Gebiet des Uranbergbaus, ausgesetzt war. Er verliebt sich in Aysha, doch zunächst passiert nichts zwischen ihnen. Aber dann lädt Aysha Carl überraschend zu einer Lesung nach Litauen ein, dort wo sie lebt, wohin sie nach einem Aufenthalt in den USA gezogen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das tickende Herz“ unterscheidet sich von „Kruso“ und „Stern 111“ in einem wichtigen Punkt. Weder Ed in „Kruso“ noch Carl in „Stern 111“ können ihre Träume verwirklichen. In „Das tickende Herz“ wird Carl nicht nur nach und nach zu einem anerkannten Dichter, sondern er kann auch seine Liebe zu Aysha verwirklichen. Eine Liebe, die für den Leser nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist, die zuweilen trotz verschiedener erzählerischer Vorkehrungen wie ein Klischee wirkt. Denn einerseits nennt Carl Aysha immer wieder wegen ihrer Fellstiefel „die Fellfrau“ und baut dadurch für den Leser (und wohl auch für sich) eine Distanz zu ihr auf. Andererseits erscheint sie als osteuropäisch-asiatischen Schönheit wie sie im Buche steht mit ihrer eher altmodischen Kleidung, dem Bruder, der Probleme wie ein Vater löst und die Faszination des Exotischen; wirkliche Konturen als Frau bekommt sie dagegen nicht. Gerettet wird das Ganze erzählerisch dann in dem Moment, in dem der Vater von Aysha schwer erkrankt, sie die Nachfolge antreten muss und das Ganze für Carl bei einem Besuch in Kasachstan zum Desaster wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das tickende Herz“ ist der Roman einer unmöglichen Liebe. Gleichzeitig kann man ihn als Unterweltsfahrt des Dichters Carl Bischof lesen, bei der Carl die Rolle des Orpheus einnimmt und Aysha die Eurydikes. Gedichte haben oft magische Elemente wie im Schamanismus. Das ist einer der Punkte, die Carl und Aysha verbinden. Aber letztlich hat das Magische in Gedichten in der westlichen Zivilisation andere Grenzen als im Schamanismus der zentralasiatischen Stammesgesellschaften. Davon erzählt Lutz Seilers Roman, auch wenn er letztlich nicht so überzeugt wie seine beiden Vorgänger.</p>
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		<title>Mathieu Belezi: Erde und Sonne angreifen</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/08/14/mathieu-belezi-erde-und-sonne-angreifen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Aug 2026 06:03:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor gar nicht so langer Zeit gab es auch im Westen eine „militärische Spezialoperation“, einen Krieg, der offiziell kein Krieg genannt werden durfte. Für die staatlichen Organe war er so sehr kein Krieg, so inexistent, dass nach seinem Ende den Veteranen der Veteranenstatus und die damit verbundene staatliche Unterstützung verwehrt wurde. Gemeint ist der Algerienkrieg, [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Vor gar nicht so langer Zeit gab es auch im Westen eine „militärische Spezialoperation“, einen Krieg, der offiziell kein Krieg genannt werden durfte. Für die staatlichen Organe war er so sehr kein Krieg, so inexistent, dass nach seinem Ende den Veteranen der Veteranenstatus und die damit verbundene staatliche Unterstützung verwehrt wurde. Gemeint ist der Algerienkrieg, der von 1954 bis 1962 konservativen Schätzung nach 350.000 Algeriern und 30.000 französischen Soldaten das Leben gekostet hat. Erst ab 1999 durfte offiziell von Krieg gesprochen werden. Und im Präsidentschaftswahlkampf 2012 entschuldigte sich Nicolas Sarkozy zwar, aber nicht bei den Algerien, sondern bei den Harkis, die auf Seiten Frankreichs gegen die Unabhängigkeit Algeriens gekämpft hatten. Um am Ende zu sagen: „Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zum offiziellen Schweigen und der Verharmlosung hat es in der Literatur schon immer Autoren gegeben, die von den Verbrechen der Kolonialisierung und des Krieges erzählt haben. Aber ein Roman wie „Adieu Paris“ von Daniel Anselm, der 1957 erschien und von drei Rekruten auf Urlaub erzählt, wurde nur wenig gelesen und schnell wieder vergessen. Man wollte nichts wissen von den Nöten der drei jungen Männer, die auf Urlaub in Paris nur auf Ignoranz von Freunden und Familie gegenüber ihren schrecklichen Kriegserfahrungen stoßen. Erst in jüngerer Zeit wird das Thema der Kolonialkriege in Frankreich breiter wahrgenommen. Der jetzt auf Deutsch erschiene Roman „Erde und Sonne angreifen“ von Mathieu Belezi gehört dazu. Schonungslos erzählt er über die Anfänge der Kolonisierung und die Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei nimmt Belezi mit seinen beiden Erzählstimmen jeweils eine radikal subjektive Position ein. In einem atemlosen, nur durch Kapitel, Absätze und Gedankenstriche strukturierten Text erzählen ein Soldat und eine junge Frau von ihren Erlebnissen im Algerien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jeweils unter der Kapitelüberschrift „(Harte Arbeit)“ berichte Séraphine Jouhaud von den Strapazen in einer Kolonie, die nie so genannt werden durfte; Algerien galt als Teil von Frankreich und alle Algerier hatten einen französischen Pass. Von dem Versprechen der Regierung auf ein besseres Leben bleibt den Siedlern so gut wie nichts. Denn dort, wo ihnen jeweils sieben Hektar Land zugeteilt wurde, gibt es nicht nur steinigen Boden, brütend heiße Sommer und eiskalte Winter, sondern auch Löwen, Giftschlangen und die einheimische Bevölkerung, die nicht immer nur zusieht, wenn man ihr das Land wegnimmt. Am schlimmsten aber sind die Krankheiten, wie Malaria und Typhus, die fast die Hälfte der Kolonisten in Séraphines Dorf auslöschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die andere Stimme, ein namenloser Soldat, schildert unter der Überschrift „(Blutbad)“, wie der sadistischer Hauptmann seiner Einheit seine Soldaten zu immer brutaleren Gewalttaten animiert. Immer wieder töten sie Männer und vergewaltigen Frauen aus den Bergdörfern, die sie angeblich „befrieden“ sollen. Mordend und brandschatzend zieht die Truppe durch das Land, während gleichzeitig das Dorf von Séraphine von arabischen Kämpfern attackiert wird. Einen der Angriffe überleben die Einwohner nur, weil ihnen in letzter Minute weitere Soldaten zur Hilfe kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Belezi erzählt mit drastischen Schilderungen von den Verbrechen, die die Franzosen in Algerien begangen haben. Seine atemlose Schreibweise zieht den Leser durch den Roman. Aber es ist wie bei den amerikanischen Antikriegsfilmen, die in Vietnam spielen: Die Opfer bleiben gesichtslos, kommen nur am Rande vor. Auch in „Erde und Sonne angreifen“ gibt es keine Stimme, die aus der Perspektive der Berber erzählt, in deren Gebiet in den Bergen sich die Gruppe von Siedlern und Soldaten befindet. Vielleicht hatte Belezi das Gefühl, es sei anmaßend, sich in die Opfer, die Fremden hineinzuversetzen. Wobei ihm die Perspektiven der Siedler und Soldaten im Algerien des 19. Jahrhunderts genauso fremd gewesen sein dürften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was „Erde und Sonne angreifen“ aber auf jeden Fall leistet ist zu differenzieren. Die „Pied Noir“, wie die algerischen Kolonisten in Frankreich genannt werden, waren nicht nur die tumben, gewalttätigen Kleinbürger, als die sie in „Adieu Paris“ von Daniel Anselm dargestellt werden; sondern sie waren gleichzeitig Opfer eines Staates, der ohne Rücksicht auf Verluste Algerien erobern wollte. Und dazu nicht davor zurückschreckte, die zumeist aus armen Verhältnissen stammenden Franzosen zu missbrauchen.</p>
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		<title>Alexandre Marius Jacob: Arbeiter der Nacht</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/07/01/alexandre-marius-jacob-arbeiter-der-nacht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 07:00:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Während andere schliefen, begann für Alexandre Marius Jacob der Arbeitstag. Im Schutz der Dunkelheit brach er zusammen mit seinen Kompanions in die Wohnungen und Villen der Reichen ein, stahl deren Geld, Silber und Gold. Der Meisterdieb im Frankreich an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert schlug meist in der Provinz zu, denn Paris war zu gefährlich. [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Während andere schliefen, begann für Alexandre Marius Jacob der Arbeitstag. Im Schutz der Dunkelheit brach er zusammen mit seinen Kompanions in die Wohnungen und Villen der Reichen ein, stahl deren Geld, Silber und Gold. Der Meisterdieb im Frankreich an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert schlug meist in der Provinz zu, denn Paris war zu gefährlich. Von der Beute wurde zehn Prozent für den politischen Kampf abgezweigt. „Eigentum ist Diebstahl“, zitiert Jacob als Motto in seinen autobiografischen Aufzeichnungen den Frühsozialisten und Anarchisten Pierre-Joseph Prudhon. Unter dem Titel „Arbeiter der Nacht“ sind sie nun zum ersten Mal auf Deutsch erschienen und es lohnt sich, sie zu lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geboren 1879 in Marseille wuchs Jacob in ärmlichen Verhältnissen auf und verdingte sich mit zwölf Jahren als Schiffsjunge. Nach sechs abenteuerlichen Jahren auf See (unter anderem als Teil eines Piratenschiffes, das er aber wieder verließ, weil ihm das zu brutal war) kehrte er nach Frankreich zurück und arbeitete als Schriftsetzer. Über einen von seinem Vater angenommenen jungen Mann lernte er die Schriften von Kropotkin, Reclus und Malatesta kennen, die ihn vom Anarchismus überzeugten. Doch Jacob war, wie Andreas Gehrlach im seinem instruktiven Nachwort zu „Arbeiter der Nacht“ schreibt, kein Revolutionär, der mit einer umfassenden Theorie den Umsturz herbeiführen wollte. Aber er sah, dass die, die sich abplacken, die mit ihrem Verdienst kaum ihre Familien durchbringen konnten, diejenigen waren, die arbeiteten. „Die Aktionäre, die absolut gar nichts tun, sind die, die sich am meisten in die Tasche stecken.“ Den Diebstahl von Reichen hielt er deshalb für ethisch gerechtfertigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Laufe der Jahre wuchs Jacobs Bande auf bis zu vierzig Leuten an. Jeder Einbruch wurde minutiös vorbereitet. Eine Eisenwarenhandlung wurde extra gegründet, um die neuesten Tresore bestellen und deren Sicherheitsmechanismen studieren zu können. Eine kleine Metallgießerei sorgte für das Einschmelzen von Silber und Gold; vertrauenswürdige Mittelsmänner für den Verkauf der erbeuteten Wertpapiere. Doch das Leben als „Arbeiter der Nacht“ hatte seinen Preis. Es fielen hohe Kosten für Reisen und Unterkunft an, denn die Wohnungen und Häuser der Reichen musste lange vor dem Einbruch unauffällig ausgespäht werden. Entscheidend für das Ende der Bande war aber, dass Jakob und seine Leute immer wieder verhaftet wurden und im Gefängnis landeten. Bei seinem letzten Einbruch wurden bei einem Schusswechsel zwei Polizisten getötet und Jakob und zwei seiner Mitstreiter landeten auf der berüchtigten Gefängnisinsel Île du Diable vor französisch Guyana. Jacob war der einzige, der die Haft aufgrund von Glück und eines unermüdlichen Kampfes um Rückführung nach Frankreich überlebte. Wahrscheinlich hatte die französische Regierung Angst, dass sonst die katastrophalen Haftbedingungen auf der „Teufelsinsel“ zu sehr publik würden; jedes Jahr starben dort hunderte Häftlinge an Krankheiten und Erschöpfung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor Gericht kamen 150 Einbrüche der Bande, aber man schätzt, dass bis zu tausend auf ihr Konto gehen. Bereits zu seiner aktiven Zeit war Alexandre Marius Jacob ein Medienstar, über den in allen Zeitungen berichtet wurde. Angeblich soll er Maurice Leblanc zu seiner Figur des Meisterdiebs Arsène Lupin inspiriert haben. Aber im Gegensatz zu Lupin, der &#8211; wie Andreas Gehrlach im Nachwort schreibt -, „eher aus ästhetischen denn aus ethischen Gründen“ das Töten bei seiner Arbeit ablehnte, hielt Jacob die zu Tode gekommenen Polizisten für einen Kollateralschaden. „Manchmal hat es seinen Preis, die Reichen zu verteidigen. Berufsrisiko, wie bei mir auch, wenn ich meinen Krieg gegen sie führe. Und: „Wenn ich mich nicht verteidigte, würden sie mir das Leben oder die Freiheit nehmen, was auf dasselbe hinausläuft. &#8230; Ich töte nicht aus Lust am Töten. Das passt zu den anständigen Leuten, den Soldaten zum Beispiel. Ein Bandit denkt und handelt anders.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die autobiografischen Aufzeichnungen, „Arbeiter der Nacht“, beschreiben Jacobs letzten Einbruch, seine Flucht und seine Festnahme. In einer Mischung aus philosophischer Reflexion über die Ungerechtigkeit des Kapitalismus und die Brutalität des kolonialen Frankreichs, den Widerstand dagegen und spannendem Krimi zeigt sich Jacob nicht nur als genialer Einbrecher, sondern auch als ausgezeichneten Autor. Seinen Beruf als „Arbeiter der Nacht“ gibt er nach seiner Gefangenschaft auf. „Ich glaube nicht“, schreibt er, „dass die Illegalität in der gegenwärtigen Gesellschaft das Individuum befreien kann. Wenn es ihm durch dieses Mittel auch gelingt, sich von einigen Knechtdiensten zu befreien, so bürdet ihm der Kampf andere, noch schwere auf. Am Ende bezahlt er mit dem Verlust der Freiheit.“ Eine Einsicht, die allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass auch heute noch ein kleiner Teil der Menschheit auf Kosten der großen Mehrheit lebt.</p>
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		<title>Catherine Guérard: Renata wasweißich</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/06/17/catherine-guerard-renata-wasweissich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Jun 2026 11:01:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es vor allem um die Befreiung von allen möglichen gesellschaftlichen Zwängen. Dabei stand die Befreiung von entfremdeter Arbeit ganz oben auf der Agenda. Auch Catherine Guérards „Renata wasweißich“, 1967 im französischen Original erschienen, befindet sich in der Tradition dieser Zeit. Der Roman, von Olga Radetzkaja [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es vor allem um die Befreiung von allen möglichen gesellschaftlichen Zwängen. Dabei stand die Befreiung von entfremdeter Arbeit ganz oben auf der Agenda. Auch Catherine Guérards „Renata wasweißich“, 1967 im französischen Original erschienen, befindet sich in der Tradition dieser Zeit. Der Roman, von Olga Radetzkaja überzeugend übersetzt, liegt nun zum ersten Mal auf Deutsch vor. In einer Mischung aus Stream of Conciousness und direkter Rede erzählt darin eine junge Frau ihre Geschichte</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Renata wasweißich“, wie sie später einmal sagt, arbeitet als Haushaltshilfe bei „Madame und Monsieur“. Als sie eines Tages kündigt, ist die Überraschung groß. Auf die erstaunte Frage ihrer Arbeitgeber nach dem Warum, gibt sie keine Antwort. Dem Einwand, man müsse doch Geld verdienen, außer man heiße Rothschild (aber auch die müssten ja schließlich arbeiten), erwidert sie, „dafür kommen wir also auf die Welt … für die Galeere“. Am Ende hilft ihr Madame, ihre Siebensachen, darunter ein Stapel Liebesbriefe, in drei Pappkartons zu packen und mit Schnüren zu umwickeln, denn einen Koffer will sie nicht. „Klar wäre ein Koffer besser, aber ein Koffer ist dafür da, dass man Sachen von einem Ort zu anderen bringt, und ich will meine Sachen ja von einem Ort zu keinem Ort bringen, da wäre ein Koffer nicht das Richtige.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Moment des Ausbruchs, der Selbstbefreiung aus dem immergleichen (Arbeits-)Leben, aktiviert in Renata Energien, die alle Überlegungen über den Grenzen der Freiheit über den Haufen werfen. Ohne die Folgen zu bedenken, zieht sie einfach los. Nur die Fragen nerven sie. Sie beantwortet sie entweder gar nicht, oder mit Lügen. „Wozu überhaupt die ganze Fragerei im Leben, dachte ich, wenn die Leute keine Fragen stellen würden, bräuchte man nicht zu lügen“. Es sind banale Probleme, über die sie sich dann ärgert: dass es zu wenig Platz für ihre Kartons im Bus gibt oder der Schaffner sie fragt, wohin sie fahren will. In einem Park, in dem sie für einen der Stühle bezahlen soll, die eine Frau vermietet, wird sie als Clochard beschimpft, der sie nicht sein will. „Also heißt frei sein dass man ständig unglücklich ist, dass man beschimpft wird, und ich dachte Wer für einen Chef arbeitet und wer Geld verdient, der wird nicht beschimpft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende dann beginnt es zu regnen, und die Kartons fangen an, Feuchtigkeit aufzusaugen. Renata umwickelt sie mit Zeitungspapier und spätestens ab diesem Punkt wird klar, dass es Catherine Guérard nicht nur um die Frage der Freiheit geht; sondern auch um die Frage, weshalb zum Beispiel sogenannte „Bag Woman“, wie sie in den USA genannt werden, obdachlose Frauen, die mit einem Einkaufswagen voller gefüllter Tüten durch die Stadt ziehen, warum diese Frauen trotz aller Widrigkeiten ihres Alltags ihr Leben nicht aufgeben wollen. Warum sie die Hilfe, die ihnen angeboten wird, meist ablehnen: Weil Hilfe vor allem ihre Souveränität, ihre Freiheit in Frage stellen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Worauf Catherine Guérard hinaus will, wird in „Renata wasweißich“ schnell deutlich. Manche Wendung der Geschichte erscheint deshalb überflüssig, auch wenn die Übertreibung durch Wiederholung das Problem deutlicher werden lässt. Vielleicht könnte man „Renata wasweißich“ aber auch anders lesen. Denn das letzte, was Renata hergeben würde, ist das Paket mit den Liebesbriefen. Das ist einerseits verständlich, weil sie offenbar die Verbindung zu einer großen Liebe darstellen; andererseits rätselhaft, denn der Leser erfährt über Renatas Geliebten außer seinem Namen nichts. Zusammen mit der Widmung des Romans – „für François“ –, könnte man „Renata wasweißich“ deshalb auch als Brief lesen. Als Brief an François, hinter dem sich François Mitterand verbirgt, dem zeitweisen Geliebten von Catherine Guérard, der später Präsident Frankreichs wurde.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Robert Seethaler: Die Straße</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/05/21/robert-seethaler-die-strasse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 08:18:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Robert Seethaler: Die Straße Der Plot von Robert Seethalers neuem Roman „Die Straße“ ist so einfach wie seine Schreibweise. In kurzen, nie länger als ein paar Seiten langen Abschnitten, lässt er die Bewohner einer Straße zu Wort kommen. Manchmal ist es so, als höre man zwei Passanten bei einem Gespräch zu; manchmal scheinen es die [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Robert Seethaler: Die Straße</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Plot von Robert Seethalers neuem Roman „Die Straße“ ist so einfach wie seine Schreibweise. In kurzen, nie länger als ein paar Seiten langen Abschnitten, lässt er die Bewohner einer Straße zu Wort kommen. Manchmal ist es so, als höre man zwei Passanten bei einem Gespräch zu; manchmal scheinen es die inneren Stimmen von Menschen in ihren Wohnungen zu sein. Es ist die grenzenlose Vielfalt der Biografien, von Erfahrungen, Meinungen und Blicken auf die Welt; kurz „Die Straße“ ist Ausdruck der Faszination über der Fülle des menschlichen Lebens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ist zum Beispiel der Büchersammler, der am Ende seines Lebens für seine siebzehntausend Bücher im Souterrain eines Hauses ein Antiquariat eröffnet. Schon in den 1990er Jahren, in denen das Leben der Straße über ein Jahr lang geschildert wird, war der Verkauf von Büchern nicht einfach. Außerdem sind Feuchtigkeit und der Bücherwurm ein Problem, aber dann, am Ende eines Tages, sind sechundzwanzig Bücher verkauft, „und die Auslagenscheiben geputzt, sodass kein Stäubchen mehr zu sehen ist. Ansonsten lasse ich die Dinge auf mich zukommen. Ich bin glücklich.“ Der Allgemeinarzt Dr. Aysal, der mehrere Male auftaucht, reibt sich für seine Patienten auf, lebt allein und trinkt „ein bisschen zu viel“. Zur Mittagszeit sitzt er im „Südstern“, immer am selben Platz, und wählt das Mittagsmenü; spät abends dann findet man ihn oft im „Goldenen Mond“. Als eine Mutter mit ihrem gelb angelaufenen Säugling in seine Praxis kommt, fragt er sie, warum sie nicht früher gekommen sei und überweist das Kind sofort ins Krankenhaus. Dort stirbt es dann an einer Lebererkrankung. Aber das wird nur kurz erwähnt, das Leben in der Straße geht weiter. Eine Blumenhändlerin wird nach einem Selbstmordversuch gerade noch rechtzeitig auf dem Boden ihres Ladens gefunden, überdeckt mit 150 nie abgeschickten, ausführlich im Roman zitierten Liebesbriefen. Der Mann, an den sie gerichtet sind, ein Reifenhändler, hat nie etwas von ihrer Liebe erfahren und wird von anderen für einen Aufschneider und Blender gehalten. Und weiter hinten im Roman steht ein Herr, dessen Wohnung zwangsgeräumt wurde, vor dem Haus, in dem er einmal gewohnt hat. Als es zu regnen beginnt, holt er einen Regenschirm aus einer Kiste. „Es war ein rosaroter Kinderschirm mit Mickymäusen drauf. Als der Lkw abfuhr, stand er noch lange da, mit rosa beschattetem Gesicht unter den tanzenden Mäusen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kitsch und Tod liegen hier dicht beieinander und verfehlen ihre Wirkung nicht: „Die Straße“ stand wochenlang auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste. Den nach Seethalers eigener Schätzung rund 300 Stimmen bleiben auf den 240 Seiten nur wenig Raum, um sich zu entfalten. Dabei hätten viele Ereignisse und Figuren das Zeug zu einem ganzen Roman. In früheren Büchern Seethalers, wie z.B. in „Der Traffikant“, der ihn bekannt gemacht hat, waren die Figuren noch langsam und ausführlich entwickelt worden. Auch in „Das Feld“ sind es ganze Kapitel, in denen die Stimmen der Toten auf einem Friedhof erzählen. In „Die Straße“ werden die Menschen, ihre Sehnsüchte, ihre Widersprüche und ihre Fehler auf wenige Sätze reduziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das vermittelt oft den Eindruck von Tratsch und endet nicht selten in Klischees. Da ist der „schwitzende Politiker“, nach dessen erwartet selbstgefälligen Rede auf dem Straßenfest „der Himmel“ aufbricht „und die Sonne“ hervorkommt. Da ist der Chef einer Immobilienfirma, der seinen zögernden Mitarbeiter beauftragt, Mieter mit perfiden Strategien aus einem Haus zu schmeißen. Auch die Stimmen aus dem Altenheim „Abendschein“, die sich &#8211; ja welch eine Überraschung! &#8211; über das Essen beschweren, klingen wie eine Mischung aus „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ und Heinz Erhardt: „Morgen werde ich der Heimleitung einen Brief schreiben. Es ist nie zu spät für den Aufstand“. Das ist natürlich Rollenprosa, und ja, es ist die knallharte Wirklichkeit, nur: Will und sollte man das in einem Roman lesen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Straße“ ist wie ein Wimmelbild für Erwachsene. Ecken und Kanten des Lebens sind so abgeschliffen, dass sie niemandem mehr wehtun. Abgründiges kommt zwar vor, aber von den dramatischen Folgen erfährt man so gut wie nichts. Die Kombination aus Kitsch und Tod in Verbindung mit religiösen Motiven machen das Buch dann letztlich zu einem Erbauungstext für die Mühseligen und Beladenen. Ein Erbauungstext, der Trost spendet, allerdings einen inoffiziellen Trost, so wie der immer wieder erwähnte Heilige Jolander ein inoffizieller Heiliger ist, den es gemäß der offizieller Heiligsprechung gar nicht gibt. Seine am Rand der Straße stehende Skulptur soll gerüchteweise in den 1970er Jahren von Berufsschülern im Kunstunterricht aus Ytong-Steinen geschaffen worden sein und den Obdachlosen Paul Otto Sedlak darstellen. Aber einer, der immer wieder zu Wort kommt, glaubt innig an ihn: „Heiliger Jolander, bitt für mich, denn ich ritze ihren Namen in unseren Hausflur … <em>Marija</em> am Treppenabsatz, <em>Marija</em> am Geländer, <em>Marija</em> neben den Briefkästen, &#8230; <em>Marija</em> an ihrer Tür, ganz klein und zart, in Bodennähe, wo nur ich es sehen kann.“</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/05/08/mokhtar-amoudi-ein-ziemlich-anderes-leben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 May 2026 11:36:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/?p=648</guid>

					<description><![CDATA[Die Banlieu von Paris hat keinen guten Ruf. Die Bilder, die vor ein paar Jahren im Internet und auf den Fernsehbildschirmen kursierten, zeigten eine Kampfzone: brennende Autos zwischen riesigen Wohnkomplexen. Wie alles ganz anders, aber nicht unbedingt besser war, erzählt Mokhtar Amoudi in „Ein ziemlich anderes Leben“. Ein Debütroman, der in Frankreich mit dem „Prix [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Die Banlieu von Paris hat keinen guten Ruf. Die Bilder, die vor ein paar Jahren im Internet und auf den Fernsehbildschirmen kursierten, zeigten eine Kampfzone: brennende Autos zwischen riesigen Wohnkomplexen. Wie alles ganz anders, aber nicht unbedingt besser war, erzählt Mokhtar Amoudi in „Ein ziemlich anderes Leben“. Ein Debütroman, der in Frankreich mit dem „Prix Goncourt des lycéens“ ausgezeichnet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon der Anfang ist, wie vieles in dieser auf den eigenen Erfahrungen von Amoudi basierenden Geschichte, von Glück und Zufällen geprägt. Skander, der Held und Ich-Erzähler, lebt in Coursein, einem fiktiven Vorort von Paris, bei seiner drogenkranken aus Algerien stammenden Mutter. Als er sich in der Ambulanz des örtlichen Krankenhauses eine Platzwunde nähen lässt, fällt er dem Arzt auf. Eine Psychologin befragt ihn und schaltet die Jugendfürsorge ein, die ihn bei einer Pflegefamilie unterbringt. Nachdem er dort rausgeflogen ist, landet er bei Madame Khadija, einer marokkanischen Migrantin, die davon lebt, für das Jugendamt Kinder zu betreuen. Doch trotz des Hin- und Her bekommt er in der Schule gute Noten und wird zum Hoffnungsträger des Jugendamtes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch bei Madame Khadija ist das Leben nicht einfach. Schnell verliert Skander seine letzten Illusionen. Chorba, ein anderes ihrer Pflegekinder, rückt sein Bild von ihr zurecht. Chorbas Vater war einmal mit Khadija zusammen, behauptet er; sie wollten sogar heiraten. Aber auch der Vater von Chorba bezahlt Khadija dafür, dass sie sich um ihn kümmert. Immer dann, wenn die Zahlungen ausbleiben – und das kommt öfter vor &#8211; muss Chorba gehen. „Aber wenn sie dich liebt, ist das mit dem Unterhalt doch gar nicht wichtig.“, sagt Skander. „Du laberst vielleicht einen Scheiß, Mann“, antwortet Chorba. „Du wirst nie mehr sein als ein Gehaltsscheck, vergiss das nie!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch ist es bei Madame Khadija immer noch besser als bei seiner Mutter, die immer mehr abdreht und die Nachbarn in ihrem Wohnblock terrorisiert. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis von Fleury wird es nochmals schlimmer. „Man musste sie einmal während einer ihrer immer häufiger werden depressiven Krisen erlebt haben. Dann brüllte sie: »Ich bin eine Terroristin! Ich bin Bin Laden!«“ Mit Skanders Älterwerden lässt das Verständnis der Nachbarn ihm gegenüber nach. „Ihr Geschrei und ihre Schulden wurden mir angekreidet. Das kleine Kind, das man bedauerte, funktionierte nicht mehr als Entschuldigung. Es war gestorben, irgendwo zwischen Fleury und dem 11. September.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dann lernt er zufällig in einem Kinderheim, in das er ein anderes Pflegekind bei einem Besuch von dessen Bruder begleitet soll, einen Professor aus Paris kennen. Der Soziologe hatte dort unter den Kinder und Jugendlichen eine Befragungen durchgeführt. Er kommt mit Skander ins Gespräch und lädt ihn zu einer Party nach Paris ein. Unter den Künstlern und Intellektuellen, in der großen Wohnung des Professors, ist er dann der Exot, für den sich alle interessieren. Es ist der erste Kontakt mit dem ziemlich anderen Leben, das zwar nicht ehrlicher ist, als das in Courseine, das ihn aber beeindruckt und besser vorkommt. Besser zumindest als sich mit anderen zu prügeln, weil man sonst unter ihnen den Respekt verliert. Oder darauf zu achten, dass man die richtige Kleidung trägt und die Haare nicht zu lang wachsen lässt. Und besser auch als wegen Dorgenhandels im Knast zu landen, was Skander gerade noch mal einmal erspart bleibt. Mit Unterstützung seines Professorenfreundes bekommt er dann noch einmal eine letzte Chance.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein ziemlich anderes Leben“ ist eine gut erzählte Geschichte über das Aufwachsen in der Pariser Banlieue. Mokhtar Amoudi weiß, wovon er erzählt, schildert die Widersprüche der Jugendfürsorge, die Enttäuschung über der Erwachsenen und die Gewalt unter den Jugendlichen. Sein autobiografischer Roman vermittelt keine Illusionen. „Was hätte ich dafür gegeben, woanders geboren zu sein“, sagt Skander, als er endlich seinen leiblichen Vater aus Algerien kennenlernt. Denn auch der ist nur eine einzige Enttäuschung.</p>
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		<title>Norbert Gstrein: Im ersten Licht</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/03/12/norbert-gstrein-im-ersten-licht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Mar 2026 18:57:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein greift in seinen Romanen immer wieder Gegenwartsthemen auf, die zeitlose Fragen enthalten. In „Das Handwerk des Krieges“ von 2003 beispielsweise hatte er den Bürgerkrieg in Jugoslawien zum Anlass genommen, um über die Frage, ob die Realität eines Krieges überhaupt darstellbar ist, einen Roman zu schreiben. In „Vier Tage, drei Nächte“, [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein greift in seinen Romanen immer wieder Gegenwartsthemen auf, die zeitlose Fragen enthalten. In „Das Handwerk des Krieges“ von 2003 beispielsweise hatte er den Bürgerkrieg in Jugoslawien zum Anlass genommen, um über die Frage, ob die Realität eines Krieges überhaupt darstellbar ist, einen Roman zu schreiben. In „Vier Tage, drei Nächte“, seinem vorletzten Roman, war die Corona-Pandemie Anlass, über die ausbrechenden Widersprüche und Zwänge in einer Familie während einer Quarantäne-Situation zu erzählen. In „Im ersten Licht“, seinem neuen Roman, ist das Thema erneut der Krieg, der seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine die öffentliche Diskussion immer wieder bestimmt. Doch diesmal steht nicht &#8211; wie in „Das Handwerk des Tötens“ -, der Krieg selbst im Zentrum, sondern seine Vorbereitung und seine Folgen für diejenigen, die nicht unmittelbar an ihm beteiligt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer wieder hört Adrian Reiter, der Held des Romans, auf seinen jugendlichen Streifzügen vor dem Ersten Weltkrieg junge Stimmen hinter der Mauer zu den großen Villengrundstücken in seiner österreichischen Provinzstadt. Die Feriendomizile reicher Wiener Familien sind für den Sohn eines kleinen Postbeamten die unerreichbare Welt der Herrschaft in der k.u.k. Gesellschaft. Fasziniert von dem Riesenreich der Doppelmonarchie beginnt er sich für dessen Geschichte und vor allem für dessen Militär zu begeistern. Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges sorgt dann allerdings sein sozialistisch gesinnter Vater mit einem Axthieb in seinen Unterschenkel dafür, dass Adrian nicht eingezogen wird. Stattdessen beginnt er im nahe gelegenen Seehotel an der Rezeption zu arbeiten. Verlorener Krieg und der Zerfall der k.u.k. Monarchie, die den Krieg mit verursacht hatte, ändern nichts an Adrians Faszination für das untergegangene Großreich. Auch nicht das durch eine Kriegsverletzung völlig verunstaltete Gesicht Ernest Ellers, dem Sohn eines der reichen Villenbesitzer, der eines Tages auf einem abgelegenen Teil der Hotelterrasse sitzt. Eller beginnt, dem Hotelangestellten Aufträge zu erteilen und es entsteht nach und nach eine Art Freundschaft zwischen beiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Norbert Gstreins Held für den Leser nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, gelingt es ihm, das Interesse des Lesers an seiner Geschichte aufrecht zu erhalten. Indem er immer wieder mit Andeutungen Erwartungen hinsichtlich des Fortgangs der Geschichte weckt, hält er die Spannung aufrecht. Die Beantwortung der durch seine Figuren und durch seine Ereignisse entstehenden Fragen überlässt er dabei dem Leser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im zweiten Teil des Romans rückt die Frage der Schuld in den Vordergrund. Nach dem Selbstmord von Ernest Eller nimmt sich dessen Mutter, die ursprünglich aus England stammt, Adrian an und verschafft ihm die Möglichkeit eines Studiums in Wien. Er wird Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte und gibt seine Faszination für die Österreich-Ungarische Monarchie und vor allem deren Militärgeschichte an seine Schüler weiter. Einer, Hans Baumgartner, wird zu seinem Bewunderer und entscheidet sich auch durch Adrians Einfluss nach der Schule, Berufssoldat zu werden. Adrian Reiter wird unfreiwillig zum einzigen Vertrauten und Baumgartners, der ihn im 2. Weltkrieg immer wieder während seines Fronturlaubs besucht. Als er bei einem dieser Besuche von Erschießungen in der Ukraine erzählt, kann sich Adrian Reiter später trotz großer Anstrengungen nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Norbert Gstrein hat mit „Im ersten Licht“ einen großartigen Roman geschrieben, in dem er anhand der Geschichte eines einfachen Menschen die zeitlosen Themen von Gewalt, Verantwortung und Schuld entfaltet. Im dritten Teil des Romans gelingt es ihm noch einmal, Adrian Reiters Leben eine unerwartete, aber plausible Wendung zu geben. Der eher versöhnliche Schluss des Romans ändert dann nichts an der Beunruhigung des Lesers, der sich fragt, vor was für Entscheidungen er wohl angesichts der gerade zerbrechenden Weltordnung gestellt werden wird.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">die tageszeitung, 16. März 2026</p>
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		<title>Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/03/02/dario-ferrari-die-pause-ist-vorbei/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 13:35:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Marcello Gori ist ein Loser. Geboren und aufgewachsen in Viareggio, einem Badeort in der Toscana, lebt der Held und Erzähler aus Dario Ferraris Roman „Die Pause ist vorbei“ immer noch bei seiner Mutter. Immerhin hat er nach zehn Jahren Studium seinen Masterabschluss in Literaturwissenschaft an der dreißig Kilometer entfernten Universität von Pisa zustande gebracht. Aber [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Marcello Gori ist ein Loser. Geboren und aufgewachsen in Viareggio, einem Badeort in der Toscana, lebt der Held und Erzähler aus Dario Ferraris Roman „Die Pause ist vorbei“ immer noch bei seiner Mutter. Immerhin hat er nach zehn Jahren Studium seinen Masterabschluss in Literaturwissenschaft an der dreißig Kilometer entfernten Universität von Pisa zustande gebracht. Aber er lässt sich mit weit über Dreißig noch immer vom Leben treiben, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und trifft sich mit seinen ebenso ewig pubertierenden Freunden. Ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Letizia, die mit ihrem Medizinstudium nicht nur etwas Handfestes studiert, sondern auch noch die Zielstrebigkeit in Person ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sich Marcello dann trotz seines Alters um ein Promotionsstipendium an seiner alten Uni bewirbt und es auch noch bekommt, ist das, wie er sagt, „eine Verkettung unvorhergesehener Zufälle“. Zufällig trifft er einen alten Kommilitonen, der ihm von dem Stipendium erzählt. Und zufällig bekommt er den Zuschlag, weil die eigentlich für das Stipendium vorgesehene Kandidatin abspringt. Beworben hatte er sich überhaupt nur wegen der Aussicht auf die 1.300 Euro, die für drei Jahre monatlich auf seinem Konto eintrudeln sollen – mehr als seine Einkünfte aus den Kellner-Jobs. Aber Marcello sagt auch, dass seine „angeborene Unfähigkeit, die Folgen meiner Handlungen auch nur ansatzweise abzuschätzen“ für die Entscheidung wichtig war. Von seinem Erfolg überrumpelt, muss er dann selbstkritisch feststellen, dass er eigentlich der Letzte ist, der für solch ein Stipendium geeignet ist. Denn von Literaturwissenschaft und – noch viel wichtiger –, von den Machtkämpfen am Institut für Italianistik hat er eigentlich inzwischen keine Ahnung mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einem der alten Bekannten aus der Studienzeit, der an der Uni geblieben ist, informiert er sich erst mal über die aktuellen Intrigen und Gefechte am Institut. Die Tipps, wie er seinen ersten Vortrag zu gestalten hat, wer unbedingt zitiert werden muss und wen er auf keinen Fall erwähnen darf, bekommt er dabei gleich mitgeliefert. Was allerdings nicht verhindert, dass Professor Sacrosanti seinen ersten allerdings auch ein wenig größenwahnsinnigen Projektentwurf niedermacht. Die Koryphäe des Instituts ist aber ganz der gute Patriarch und macht seinem Zögling einen Alternativvorschlag. Er solle sich doch lieber mit dem Werk des linken Terroristen Tito Sella beschäftigen, der nach seiner Verhaftung in den 1970er Jahren im Gefängnis angefangen hatte, Romane zu schreiben. Besonders wichtig ist Sacrosanti dabei, dass Marcello den Nachlass Sellas, der in Paris aufbewahrt wird, berücksichtigt. Dort soll auch sein legendärer, vor dem Tod Sellas nicht mehr fertiggestellter autobiografischer Roman „Phantasima“ liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dario Ferrari erzählt von seinem Oblomow aus Viareggio mit Ironie und Humor. Die Beschreibung der feudalen und intriganten Verhältnisse an Marcellos alter Uni ist so witzig, dass der Leser kaum mehr aus dem Lachen herauskommt. Und doch ist Ironie, mit der Ferrari seinen Antihelden und den akademischen Betrieb beschreibt, kein bloßes Niedermachen; der Leser spürt, dass Marcello eine Grundsympathie für die alte Idee von der akademischen Suche nach der Wahrheit geblieben ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber trotz aller Gegenwehr Marcellos, die Pause ist irgendwann vorbei. Das Leben ist am Ende nicht ironisch, auch wenn es Ironie oft erleichtert. Entscheidungen und Verantwortung aus dem Weg zu gehen, mag eine Zeit lang gut gehen. Doch dann taucht plötzlich Letizia auf und schlägt Marcello vor, mit ihr zusammenzuziehen. Gerade sei eine Wohnung, die ihren Eltern gehört, frei geworden. Sie könnten sich dann ja auch einen Hund anschaffen, meint sie hintersinnig, weiß sie doch, dass das Marcellos sehnlichster, nie in Erfüllung gegangener Kindheitswunsch ist. „Von der Aussicht auf die Wohnung geblendet, hätte ich fast vergessen, dass »sich einen Hund anschaffen« ein Synonym für »ein Kind bekommen« ist und dass Kost und Logis keinesfalls gratis, sondern nur zum Preis der schändlichsten aller Gegenleistungen zu haben ist: <em>erwachsen zu werden</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um Letzteres noch einmal aufzuschieben, hält Marcello Letizia mit einer Antwort hin, verlässt die Komfortzone um seine gleichgesinnten Freunde und geht nach Paris. Den legendären autobiografischen Roman findet er dort zwar nicht; stattdessen beginnt er aber aufgrund Sellas nachgelassenen Tagebuchaufzeichnungen den entscheidenden Moment in seinem Leben selbst zu erzählen. Dabei verschränkt Ferrari geschickt die Frage nach einer radikalen Tat mit der Kollaboration während des 2. Weltkriegs, die in einem von Sellas Romanen eine Rolle spielt, und am Ende natürlich auch mit der Passivität Marcellos. Wenn der Roman auch keine Antworten gibt, so kommt Dario Ferraris sympathischer Loser doch in seinem intelligenten und mit viel Humor geschriebenen Roman zu einer Erkenntnis, mit der weder Marcello noch der Leser gerechnet hat.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">Neues Deutschland, 16. März 2026</p>
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		<title>Elias Hirschl: Schleifen</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/03/02/elias-hirschl-schleifen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 13:30:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Franziska Denk hatte die Pest. Wieder war sie allein wegen der Erwähnung des Wortes krank geworden. Irgendwer hatte es gesagt und sie hatte es gehört. Vorher war ihr das bereits mit anderen Krankheiten so ergangen, weshalb sie im Wien der 1930er Jahre von ihren Eltern „nur vorab kontrollierte, medizin- und krankheitsfreie Bücher zu lesen [bekam]“. [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Franziska Denk hatte die Pest. Wieder war sie allein wegen der Erwähnung des Wortes krank geworden. Irgendwer hatte es gesagt und sie hatte es gehört. Vorher war ihr das bereits mit anderen Krankheiten so ergangen, weshalb sie im Wien der 1930er Jahre von ihren Eltern „nur vorab kontrollierte, medizin- und krankheitsfreie Bücher zu lesen [bekam]“. Ihre Eltern sind in Elias Hirschls Roman „Schleifen“ die fiktiven Sprachforscher Carl Stonebrook und Margarete Denk, Anhänger des ominösen mittelalterlichen Philosophen Francesco Savogini, der glaubte, vor dem Turmbau zu Babel und der Aufsplitterung in viele Sprachen hätte es eine einzige göttliche Universalsprache gegeben. Auf der Suche nach dieser ursprünglichen Sprache findet Carl Stonebrook auf einer kleinen Insel im Pazifik das Volk der Wanna. „Sie erzeugen Nahrung und Werkzeuge aus bloßen Wörtern. Als könnte der flüchtige Lehm der Luft auf ihren Zungen zu fester Materie werden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht alles in „Schleifen“ ist so fantastisch und fiktiv. In dem von Franzika Denks Eltern organisierten privaten Savogini-Lesekreis in Wien nehmen in Hirschls Roman auch historisch verbürgte Gestalten wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein und der Mathematiker Kurt Gödel teil. Letzterer sah „das fundamentale Problem der Welt darin [&#8230;], dass jede Erkenntnis über die Welt letzten Endes verschriftlicht werden musste, und man letztendlich also die Verschriftlichung selbst verschriftlichen müsse, weil sie Teil der Welt sei“. Die Verschriftlichung der Verschriftlichung der Verschriftlichung wird dabei zu einem unendlichen Prozess, den man sich als Möbiusschleife vorstellen könnte, die Hirschls Roman den Titel gegeben hat. Immer wieder kehrt man auf dem scheinbar nur aus einer Kante und einer Fläche bestehenden, um sich selbst gedrehten Streifen an den Ausgangspunkt zurück. Gödel, der nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland ins US-amerikanische Exil gehen musste, verlor sich offenbar zu sehr in seinen abstrakten, unendlichen Welten. Er wurde immer paranoider und starb an Unterernährung, weil er Angst hatte vergiftet zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Geschichte von Franziska Denk nimmt kein gutes Ende. Nachdem sie alle möglichen Krankheiten überstanden hatte, versucht sie wie ihre Eltern die Welt über die Sprache zu verändern. Allerdings glaubt sie nicht an eine Universalsprache hinter all den existierenden und ausgestorbenen Sprachen. Stattdessen sieht sie das Problem im Repräsentationscharakter von Sprache und setzt darauf, die Dinge selbst sprechen zu lassen. Denn die Dinge sind ja für alle gleich, im Gegensatz zu den sie jeweils von Sprache zu Sprache unterschiedlich bezeichnenden Wörtern. Doch der Weg zum Nonverbalismus, zur endgültigen Überwindung des babylonischen Sprachenwirrwarrs, der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit, ist von verschiedenen scheiternden Versuchen gepflastert, die Denk und ihre Anhänger immer mehr in die Radikalität treiben. Am Ende wird ihre Bewegung zur Sekte, dessen Missionare an Wohnungen klingeln und „dann einfach so lange schweigend vor den Menschen [standen], bis diese sich der Bewegung anschlossen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Humor steht diese literarische Tour de Force durch die Sprachphilosophie nicht fern. Sie lockert beim Leser den Glauben an die Herrschaft des Diskurses über das Leben. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob es sinnvoll ist, die Menschen per Gesetz oder Verordnung zu einer anderen Sprache zu zwingen. Und ob damit reale Probleme gelöst werden oder nicht einfach nur neue entstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar hat Elias Hirschl mit „Schleifen“ keinen Roman für Freunde des literarischen Rausches und der Identifizierung mit dem Helden einer Geschichte vorgelegt; aber für die, die wie der alte Brecht im Parkett sitzen und die Geschichte, die auf der Bühne gespielt wird, die Konflikte und die Entwicklungen als Anregung zum Denken genießen, für die ist „Schleifen“ eine große Freude.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">die tageszeitung, 18. April 2026 </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Ádám Bodor: Waldohreule</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/01/27/adam-bodor-waldohreule/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Jan 2026 09:45:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Ádám Bodors Erzählungen in dem Band „Waldohreule“ sind vielfältig. Figuren und Themen reichen von der reinen Naturschilderung, wie in „Verschneite Fußspuren“, über die Ereignisse in einer Gefängnisküche bis zu Konflikten in der Familie eines Fluchthelfers. Es gibt Schilderungen von Dorffesten, die von einer Tragödie überschattet werden, surreale Szenen von einem unbestimmten „Außenposten“, auf den eine [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Ádám Bodors Erzählungen in dem Band „Waldohreule“ sind vielfältig. Figuren und Themen reichen von der reinen Naturschilderung, wie in „Verschneite Fußspuren“, über die Ereignisse in einer Gefängnisküche bis zu Konflikten in der Familie eines Fluchthelfers. Es gibt Schilderungen von Dorffesten, die von einer Tragödie überschattet werden, surreale Szenen von einem unbestimmten „Außenposten“, auf den eine Frau namens Gizella Weisz „befördert“ wird, wo sie nichts vorfindet außer einem verdreckten Mann in einer schäbigen Hütte. Eine andere handelt von Géza Bahleda, der nach fünfundzwanzig Jahren Gefängnis in dem Gasthof auftaucht, der ihm einst gehörte. Viele der Geschichten erinnern an den Real existierenden Sozialismus, in dem Bodor, der in Siebenbürgen zur ungarischen Minderheit gehörte, in den 1950er Jahren aus politischen Gründen inhaftiert wurde. Es sind Erzählungen über den Alltag in der Diktatur, über die vielfältigen Verstrickungen und Ambivalenzen, die, weil selten Details erwähnt werden, eine allgemeine Bedeutung haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erzählungen sind ja nicht gerade populär. Im Gegensatz zum konventionellen Roman fällt die Identifikation mit einem Held oder einer Heldin schwer. Hat man sich gerade in eine Figur eingefühlt, ist die Geschichte schon zu Ende. Bei Bodor kommt hinzu, dass seine Protagonisten oft ambivalent sind und sich schon deshalb nicht für eine Identifikation eigenen. So wie Gizella Weisz, die in Moskau Klavier studiert, wie es in „Der Euphrat bei Babylon“ heißt, und dann in der Einöde landet, bei einem – das wird angedeutet – den das System, an das sie glaubt, in diese Einöde verbannt hat. Oder in „Reisende“, wo Géza Bahleda, der im Krieg „Juden gefangen“ hatte, mit einem Freund nach fünfundzwanzig Jahren Haft in seinen Heimatort auftaucht und sich in das Gasthaus setzt, das ihm einst gehörte. „Und Herrn Bahleda ist nichts geblieben“, sagt der Freund, „woran er hätte denken können, nur Sie sind ihm geblieben. Während der ganzen Zeit dachte er an Sie. Daran, dass er eines Tages herkommen würde, um geliebt zu werden, denn er sagte sich: Wohin sonst sollte er gehen und wo sonst wollte er geliebt werden als hier, wo man sich an ihn erinnert.“ Und dort, wo man sich mit einer Figur identifizieren kann, etwa in „Der Euphrat bei Babylon“, wo der Vater des Ich-Erzählers verhaftet wird, ist die Situation hoffnungslos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist wie es Walter Benjamin in seinem berühmten Erzähler-Aufsatz schreibt, dass sich diejenigen, die den Ersten Weltkrieg erlebt haben, „unter freiem Himmel in einer Landschaft [wiederfanden], in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken“. Bodor hat in einem Interview einmal gesagt, was ihn die Diktatur in Rumänien habe überleben lassen war die Natur. In vielen seiner Erzählungen wird sie eindrücklich geschildert, nicht als Ort der Hoffnung, aber als etwas verlässlich Gleichbleibendes. Das ist viel, wenn man daran denkt, dass es in „Ein Fuchs“ heißt: „Und am meisten verwunderlich daran war, dass diese Sachen einfach so, von einem Moment auf den anderen geschahen, ja, woher sollte man eigentlich wissen, was sich alles im eigenen Kopf verbirgt, nicht wahr?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Erzählungen spielen in der sozialistischen Vergangenheit Rumäniens. Und doch sind sie aktuell, in einer Zeit, in der Willkür und Gewalt immer öfter so überraschend und sinnlos hervorbrechen wie in Bodors Geschichten. Gleichzeitig gelingt es ihm, in der lakonischen Schilderung von banalen Alltagssituationen, die ganz plötzlich zu Extremsituationen mutieren, zeitlose existentielle Fragen zu stellen. Eine Antwort auf diese Fragen gibt er nicht. Das Disruptive, Fragmentarische, das sich auch in der Form der Erzählung ausdrückt, die unbeantworteten Fragen appellieren dabei an das Denken. In Zeiten, in denen das Gefühl in den Vordergrund gerückt wird, wo die Identifikation mit den Protagonisten dem Leser das Denken ersparen soll, sind sie eine große Wohltat. Und drücken wiederum ein Lebensgefühl aus, das unserer heutigen Wirklichkeit entspricht.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">die tageszeitung, 28. März 2026</p>
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