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	<title>Rezension &#8211; Der Literaturfreund</title>
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		<title>Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/05/08/mokhtar-amoudi-ein-ziemlich-anderes-leben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 May 2026 11:36:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Banlieu von Paris hat keinen guten Ruf. Die Bilder, die vor ein paar Jahren im Internet und auf den Fernsehbildschirmen kursierten, zeigten eine Kampfzone: brennende Autos zwischen riesigen Wohnkomplexen. Wie alles ganz anders, aber nicht unbedingt besser war, erzählt Mokhtar Amoudi in „Ein ziemlich anderes Leben“. Ein Debütroman, der in Frankreich mit dem „Prix [&#8230;]]]></description>
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<p>Die Banlieu von Paris hat keinen guten Ruf. Die Bilder, die vor ein paar Jahren im Internet und auf den Fernsehbildschirmen kursierten, zeigten eine Kampfzone: brennende Autos zwischen riesigen Wohnkomplexen. Wie alles ganz anders, aber nicht unbedingt besser war, erzählt Mokhtar Amoudi in „Ein ziemlich anderes Leben“. Ein Debütroman, der in Frankreich mit dem „Prix Goncourt des lycéens“ ausgezeichnet wurde.</p>



<p>Schon der Anfang ist, wie vieles in dieser auf den eigenen Erfahrungen von Amoudi basierenden Geschichte, von Glück und Zufällen geprägt. Skander, der Held und Ich-Erzähler, lebt in Coursein, einem fiktiven Vorort von Paris, bei seiner drogenkranken aus Algerien stammenden Mutter. Als er sich in der Ambulanz des örtlichen Krankenhauses eine Platzwunde nähen lässt, fällt er dem Arzt auf. Eine Psychologin befragt ihn und schaltet die Jugendfürsorge ein, die ihn bei einer Pflegefamilie unterbringt. Nachdem er dort rausgeflogen ist, landet er bei Madame Khadija, einer marokkanischen Migrantin, die davon lebt, für das Jugendamt Kinder zu betreuen. Doch trotz des Hin- und Her bekommt er in der Schule gute Noten und wird zum Hoffnungsträger des Jugendamtes.</p>



<p>Aber auch bei Madame Khadija ist das Leben nicht einfach. Schnell verliert Skander seine letzten Illusionen. Chorba, ein anderes ihrer Pflegekinder, rückt sein Bild von ihr zurecht. Chorbas Vater war einmal mit Khadija zusammen, behauptet er; sie wollten sogar heiraten. Aber auch der Vater von Chorba bezahlt Khadija dafür, dass sie sich um ihn kümmert. Immer dann, wenn die Zahlungen ausbleiben – und das kommt öfter vor &#8211; muss Chorba gehen. „Aber wenn sie dich liebt, ist das mit dem Unterhalt doch gar nicht wichtig.“, sagt Skander. „Du laberst vielleicht einen Scheiß, Mann“, antwortet Chorba. „Du wirst nie mehr sein als ein Gehaltsscheck, vergiss das nie!“</p>



<p>Und doch ist es bei Madame Khadija immer noch besser als bei seiner Mutter, die immer mehr abdreht und die Nachbarn in ihrem Wohnblock terrorisiert. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis von Fleury wird es nochmals schlimmer. „Man musste sie einmal während einer ihrer immer häufiger werden depressiven Krisen erlebt haben. Dann brüllte sie: »Ich bin eine Terroristin! Ich bin Bin Laden!«“ Mit Skanders Älterwerden lässt das Verständnis der Nachbarn ihm gegenüber nach. „Ihr Geschrei und ihre Schulden wurden mir angekreidet. Das kleine Kind, das man bedauerte, funktionierte nicht mehr als Entschuldigung. Es war gestorben, irgendwo zwischen Fleury und dem 11. September.“</p>



<p>Doch dann lernt er zufällig in einem Kinderheim, in das er ein anderes Pflegekind bei einem Besuch von dessen Bruder begleitet soll, einen Professor aus Paris kennen. Der Soziologe hatte dort unter den Kinder und Jugendlichen eine Befragungen durchgeführt. Er kommt mit Skander ins Gespräch und lädt ihn zu einer Party nach Paris ein. Unter den Künstlern und Intellektuellen, in der großen Wohnung des Professors, ist er dann der Exot, für den sich alle interessieren. Es ist der erste Kontakt mit dem ziemlich anderen Leben, das zwar nicht ehrlicher ist, als das in Courseine, das ihn aber beeindruckt und besser vorkommt. Besser zumindest als sich mit anderen zu prügeln, weil man sonst unter ihnen den Respekt verliert. Oder darauf zu achten, dass man die richtige Kleidung trägt und die Haare nicht zu lang wachsen lässt. Und besser auch als wegen Dorgenhandels im Knast zu landen, was Skander gerade noch mal einmal erspart bleibt. Mit Unterstützung seines Professorenfreundes bekommt er dann noch einmal eine letzte Chance.</p>



<p>„Ein ziemlich anderes Leben“ ist eine gut erzählte Geschichte über das Aufwachsen in der Pariser Banlieue. Mokhtar Amoudi weiß, wovon er erzählt, schildert die Widersprüche der Jugendfürsorge, die Enttäuschung über der Erwachsenen und die Gewalt unter den Jugendlichen. Sein autobiografischer Roman vermittelt keine Illusionen. „Was hätte ich dafür gegeben, woanders geboren zu sein“, sagt Skander, als er endlich seinen leiblichen Vater aus Algerien kennenlernt. Denn auch der ist nur eine einzige Enttäuschung.</p>
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		<title>Norbert Gstrein: Im ersten Licht</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/03/12/norbert-gstrein-im-ersten-licht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Mar 2026 18:57:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein greift in seinen Romanen immer wieder Gegenwartsthemen auf, die zeitlose Fragen enthalten. In „Das Handwerk des Krieges“ von 2003 beispielsweise hatte er den Bürgerkrieg in Jugoslawien zum Anlass genommen, um über die Frage, ob die Realität eines Krieges überhaupt darstellbar ist, einen Roman zu schreiben. In „Vier Tage, drei Nächte“, [&#8230;]]]></description>
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<p>Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein greift in seinen Romanen immer wieder Gegenwartsthemen auf, die zeitlose Fragen enthalten. In „Das Handwerk des Krieges“ von 2003 beispielsweise hatte er den Bürgerkrieg in Jugoslawien zum Anlass genommen, um über die Frage, ob die Realität eines Krieges überhaupt darstellbar ist, einen Roman zu schreiben. In „Vier Tage, drei Nächte“, seinem vorletzten Roman, war die Corona-Pandemie Anlass, über die ausbrechenden Widersprüche und Zwänge in einer Familie während einer Quarantäne-Situation zu erzählen. In „Im ersten Licht“, seinem neuen Roman, ist das Thema erneut der Krieg, der seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine die öffentliche Diskussion immer wieder bestimmt. Doch diesmal steht nicht &#8211; wie in „Das Handwerk des Tötens“ -, der Krieg selbst im Zentrum, sondern seine Vorbereitung und seine Folgen für diejenigen, die nicht unmittelbar an ihm beteiligt sind.</p>



<p>Immer wieder hört Adrian Reiter, der Held des Romans, auf seinen jugendlichen Streifzügen vor dem Ersten Weltkrieg junge Stimmen hinter der Mauer zu den großen Villengrundstücken in seiner österreichischen Provinzstadt. Die Feriendomizile reicher Wiener Familien sind für den Sohn eines kleinen Postbeamten die unerreichbare Welt der Herrschaft in der k.u.k. Gesellschaft. Fasziniert von dem Riesenreich der Doppelmonarchie beginnt er sich für dessen Geschichte und vor allem für dessen Militär zu begeistern. Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges sorgt dann allerdings sein sozialistisch gesinnter Vater mit einem Axthieb in seinen Unterschenkel dafür, dass Adrian nicht eingezogen wird. Stattdessen beginnt er im nahe gelegenen Seehotel an der Rezeption zu arbeiten. Verlorener Krieg und der Zerfall der k.u.k. Monarchie, die den Krieg mit verursacht hatte, ändern nichts an Adrians Faszination für das untergegangene Großreich. Auch nicht das durch eine Kriegsverletzung völlig verunstaltete Gesicht Ernest Ellers, dem Sohn eines der reichen Villenbesitzer, der eines Tages auf einem abgelegenen Teil der Hotelterrasse sitzt. Eller beginnt, dem Hotelangestellten Aufträge zu erteilen und es entsteht nach und nach eine Art Freundschaft zwischen beiden.</p>



<p>Obwohl Norbert Gstreins Held für den Leser nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, gelingt es ihm, das Interesse des Lesers an seiner Geschichte aufrecht zu erhalten. Indem er immer wieder mit Andeutungen Erwartungen hinsichtlich des Fortgangs der Geschichte weckt, hält er die Spannung aufrecht. Die Beantwortung der durch seine Figuren und durch seine Ereignisse entstehenden Fragen überlässt er dabei dem Leser.</p>



<p>Im zweiten Teil des Romans rückt die Frage der Schuld in den Vordergrund. Nach dem Selbstmord von Ernest Eller nimmt sich dessen Mutter, die ursprünglich aus England stammt, Adrian an und verschafft ihm die Möglichkeit eines Studiums in Wien. Er wird Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte und gibt seine Faszination für die Österreich-Ungarische Monarchie und vor allem deren Militärgeschichte an seine Schüler weiter. Einer, Hans Baumgartner, wird zu seinem Bewunderer und entscheidet sich auch durch Adrians Einfluss nach der Schule, Berufssoldat zu werden. Adrian Reiter wird unfreiwillig zum einzigen Vertrauten und Baumgartners, der ihn im 2. Weltkrieg immer wieder während seines Fronturlaubs besucht. Als er bei einem dieser Besuche von Erschießungen in der Ukraine erzählt, kann sich Adrian Reiter später trotz großer Anstrengungen nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern.</p>



<p>Norbert Gstrein hat mit „Im ersten Licht“ einen großartigen Roman geschrieben, in dem er anhand der Geschichte eines einfachen Menschen die zeitlosen Themen von Gewalt, Verantwortung und Schuld entfaltet. Im dritten Teil des Romans gelingt es ihm noch einmal, Adrian Reiters Leben eine unerwartete, aber plausible Wendung zu geben. Der eher versöhnliche Schluss des Romans ändert dann nichts an der Beunruhigung des Lesers, der sich fragt, vor was für Entscheidungen er wohl angesichts der gerade zerbrechenden Weltordnung gestellt werden wird.</p>



<p class="has-text-align-right">die tageszeitung, 16. März 2026</p>
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		<title>Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/03/02/dario-ferrari-die-pause-ist-vorbei/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 13:35:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Marcello Gori ist ein Loser. Geboren und aufgewachsen in Viareggio, einem Badeort in der Toscana, lebt der Held und Erzähler aus Dario Ferraris Roman „Die Pause ist vorbei“ immer noch bei seiner Mutter. Immerhin hat er nach zehn Jahren Studium seinen Masterabschluss in Literaturwissenschaft an der dreißig Kilometer entfernten Universität von Pisa zustande gebracht. Aber [&#8230;]]]></description>
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<p>Marcello Gori ist ein Loser. Geboren und aufgewachsen in Viareggio, einem Badeort in der Toscana, lebt der Held und Erzähler aus Dario Ferraris Roman „Die Pause ist vorbei“ immer noch bei seiner Mutter. Immerhin hat er nach zehn Jahren Studium seinen Masterabschluss in Literaturwissenschaft an der dreißig Kilometer entfernten Universität von Pisa zustande gebracht. Aber er lässt sich mit weit über Dreißig noch immer vom Leben treiben, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und trifft sich mit seinen ebenso ewig pubertierenden Freunden. Ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Letizia, die mit ihrem Medizinstudium nicht nur etwas Handfestes studiert, sondern auch noch die Zielstrebigkeit in Person ist.</p>



<p>Als sich Marcello dann trotz seines Alters um ein Promotionsstipendium an seiner alten Uni bewirbt und es auch noch bekommt, ist das, wie er sagt, „eine Verkettung unvorhergesehener Zufälle“. Zufällig trifft er einen alten Kommilitonen, der ihm von dem Stipendium erzählt. Und zufällig bekommt er den Zuschlag, weil die eigentlich für das Stipendium vorgesehene Kandidatin abspringt. Beworben hatte er sich überhaupt nur wegen der Aussicht auf die 1.300 Euro, die für drei Jahre monatlich auf seinem Konto eintrudeln sollen – mehr als seine Einkünfte aus den Kellner-Jobs. Aber Marcello sagt auch, dass seine „angeborene Unfähigkeit, die Folgen meiner Handlungen auch nur ansatzweise abzuschätzen“ für die Entscheidung wichtig war. Von seinem Erfolg überrumpelt, muss er dann selbstkritisch feststellen, dass er eigentlich der Letzte ist, der für solch ein Stipendium geeignet ist. Denn von Literaturwissenschaft und – noch viel wichtiger –, von den Machtkämpfen am Institut für Italianistik hat er eigentlich inzwischen keine Ahnung mehr.</p>



<p>Bei einem der alten Bekannten aus der Studienzeit, der an der Uni geblieben ist, informiert er sich erst mal über die aktuellen Intrigen und Gefechte am Institut. Die Tipps, wie er seinen ersten Vortrag zu gestalten hat, wer unbedingt zitiert werden muss und wen er auf keinen Fall erwähnen darf, bekommt er dabei gleich mitgeliefert. Was allerdings nicht verhindert, dass Professor Sacrosanti seinen ersten allerdings auch ein wenig größenwahnsinnigen Projektentwurf niedermacht. Die Koryphäe des Instituts ist aber ganz der gute Patriarch und macht seinem Zögling einen Alternativvorschlag. Er solle sich doch lieber mit dem Werk des linken Terroristen Tito Sella beschäftigen, der nach seiner Verhaftung in den 1970er Jahren im Gefängnis angefangen hatte, Romane zu schreiben. Besonders wichtig ist Sacrosanti dabei, dass Marcello den Nachlass Sellas, der in Paris aufbewahrt wird, berücksichtigt. Dort soll auch sein legendärer, vor dem Tod Sellas nicht mehr fertiggestellter autobiografischer Roman „Phantasima“ liegen.</p>



<p>Dario Ferrari erzählt von seinem Oblomow aus Viareggio mit Ironie und Humor. Die Beschreibung der feudalen und intriganten Verhältnisse an Marcellos alter Uni ist so witzig, dass der Leser kaum mehr aus dem Lachen herauskommt. Und doch ist Ironie, mit der Ferrari seinen Antihelden und den akademischen Betrieb beschreibt, kein bloßes Niedermachen; der Leser spürt, dass Marcello eine Grundsympathie für die alte Idee von der akademischen Suche nach der Wahrheit geblieben ist.</p>



<p>Aber trotz aller Gegenwehr Marcellos, die Pause ist irgendwann vorbei. Das Leben ist am Ende nicht ironisch, auch wenn es Ironie oft erleichtert. Entscheidungen und Verantwortung aus dem Weg zu gehen, mag eine Zeit lang gut gehen. Doch dann taucht plötzlich Letizia auf und schlägt Marcello vor, mit ihr zusammenzuziehen. Gerade sei eine Wohnung, die ihren Eltern gehört, frei geworden. Sie könnten sich dann ja auch einen Hund anschaffen, meint sie hintersinnig, weiß sie doch, dass das Marcellos sehnlichster, nie in Erfüllung gegangener Kindheitswunsch ist. „Von der Aussicht auf die Wohnung geblendet, hätte ich fast vergessen, dass »sich einen Hund anschaffen« ein Synonym für »ein Kind bekommen« ist und dass Kost und Logis keinesfalls gratis, sondern nur zum Preis der schändlichsten aller Gegenleistungen zu haben ist: <em>erwachsen zu werden</em>.“</p>



<p>Um Letzteres noch einmal aufzuschieben, hält Marcello Letizia mit einer Antwort hin, verlässt die Komfortzone um seine gleichgesinnten Freunde und geht nach Paris. Den legendären autobiografischen Roman findet er dort zwar nicht; stattdessen beginnt er aber aufgrund Sellas nachgelassenen Tagebuchaufzeichnungen den entscheidenden Moment in seinem Leben selbst zu erzählen. Dabei verschränkt Ferrari geschickt die Frage nach einer radikalen Tat mit der Kollaboration während des 2. Weltkriegs, die in einem von Sellas Romanen eine Rolle spielt, und am Ende natürlich auch mit der Passivität Marcellos. Wenn der Roman auch keine Antworten gibt, so kommt Dario Ferraris sympathischer Loser doch in seinem intelligenten und mit viel Humor geschriebenen Roman zu einer Erkenntnis, mit der weder Marcello noch der Leser gerechnet hat.</p>



<p class="has-text-align-right">Neues Deutschland, 16. März 2026</p>
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		<title>Elias Hirschl: Schleifen</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/03/02/elias-hirschl-schleifen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 13:30:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Franziska Denk hatte die Pest. Wieder war sie allein wegen der Erwähnung des Wortes krank geworden. Irgendwer hatte es gesagt und sie hatte es gehört. Vorher war ihr das bereits mit anderen Krankheiten so ergangen, weshalb sie im Wien der 1930er Jahre von ihren Eltern „nur vorab kontrollierte, medizin- und krankheitsfreie Bücher zu lesen [bekam]“. [&#8230;]]]></description>
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<p>Franziska Denk hatte die Pest. Wieder war sie allein wegen der Erwähnung des Wortes krank geworden. Irgendwer hatte es gesagt und sie hatte es gehört. Vorher war ihr das bereits mit anderen Krankheiten so ergangen, weshalb sie im Wien der 1930er Jahre von ihren Eltern „nur vorab kontrollierte, medizin- und krankheitsfreie Bücher zu lesen [bekam]“. Ihre Eltern sind in Elias Hirschls Roman „Schleifen“ die fiktiven Sprachforscher Carl Stonebrook und Margarete Denk, Anhänger des ominösen mittelalterlichen Philosophen Francesco Savogini, der glaubte, vor dem Turmbau zu Babel und der Aufsplitterung in viele Sprachen hätte es eine einzige göttliche Universalsprache gegeben. Auf der Suche nach dieser ursprünglichen Sprache findet Carl Stonebrook auf einer kleinen Insel im Pazifik das Volk der Wanna. „Sie erzeugen Nahrung und Werkzeuge aus bloßen Wörtern. Als könnte der flüchtige Lehm der Luft auf ihren Zungen zu fester Materie werden.“</p>



<p>Doch nicht alles in „Schleifen“ ist so fantastisch und fiktiv. In dem von Franzika Denks Eltern organisierten privaten Savogini-Lesekreis in Wien nehmen in Hirschls Roman auch historisch verbürgte Gestalten wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein und der Mathematiker Kurt Gödel teil. Letzterer sah „das fundamentale Problem der Welt darin [&#8230;], dass jede Erkenntnis über die Welt letzten Endes verschriftlicht werden musste, und man letztendlich also die Verschriftlichung selbst verschriftlichen müsse, weil sie Teil der Welt sei“. Die Verschriftlichung der Verschriftlichung der Verschriftlichung wird dabei zu einem unendlichen Prozess, den man sich als Möbiusschleife vorstellen könnte, die Hirschls Roman den Titel gegeben hat. Immer wieder kehrt man auf dem scheinbar nur aus einer Kante und einer Fläche bestehenden, um sich selbst gedrehten Streifen an den Ausgangspunkt zurück. Gödel, der nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland ins US-amerikanische Exil gehen musste, verlor sich offenbar zu sehr in seinen abstrakten, unendlichen Welten. Er wurde immer paranoider und starb an Unterernährung, weil er Angst hatte vergiftet zu werden.</p>



<p>Auch die Geschichte von Franziska Denk nimmt kein gutes Ende. Nachdem sie alle möglichen Krankheiten überstanden hatte, versucht sie wie ihre Eltern die Welt über die Sprache zu verändern. Allerdings glaubt sie nicht an eine Universalsprache hinter all den existierenden und ausgestorbenen Sprachen. Stattdessen sieht sie das Problem im Repräsentationscharakter von Sprache und setzt darauf, die Dinge selbst sprechen zu lassen. Denn die Dinge sind ja für alle gleich, im Gegensatz zu den sie jeweils von Sprache zu Sprache unterschiedlich bezeichnenden Wörtern. Doch der Weg zum Nonverbalismus, zur endgültigen Überwindung des babylonischen Sprachenwirrwarrs, der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit, ist von verschiedenen scheiternden Versuchen gepflastert, die Denk und ihre Anhänger immer mehr in die Radikalität treiben. Am Ende wird ihre Bewegung zur Sekte, dessen Missionare an Wohnungen klingeln und „dann einfach so lange schweigend vor den Menschen [standen], bis diese sich der Bewegung anschlossen.“</p>



<p>Dem Humor steht diese literarische Tour de Force durch die Sprachphilosophie nicht fern. Sie lockert beim Leser den Glauben an die Herrschaft des Diskurses über das Leben. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob es sinnvoll ist, die Menschen per Gesetz oder Verordnung zu einer anderen Sprache zu zwingen. Und ob damit reale Probleme gelöst werden oder nicht einfach nur neue entstehen.</p>



<p>Zwar hat Elias Hirschl mit „Schleifen“ keinen Roman für Freunde des literarischen Rausches und der Identifizierung mit dem Helden einer Geschichte vorgelegt; aber für die, die wie der alte Brecht im Parkett sitzen und die Geschichte, die auf der Bühne gespielt wird, die Konflikte und die Entwicklungen als Anregung zum Denken genießen, für die ist „Schleifen“ eine große Freude.</p>



<p class="has-text-align-right">die tageszeitung, 18. April 2026 </p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ádám Bodor: Waldohreule</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/01/27/adam-bodor-waldohreule/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Jan 2026 09:45:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Ádám Bodors Erzählungen in dem Band „Waldohreule“ sind vielfältig. Figuren und Themen reichen von der reinen Naturschilderung, wie in „Verschneite Fußspuren“, über die Ereignisse in einer Gefängnisküche bis zu Konflikten in der Familie eines Fluchthelfers. Es gibt Schilderungen von Dorffesten, die von einer Tragödie überschattet werden, surreale Szenen von einem unbestimmten „Außenposten“, auf den eine [&#8230;]]]></description>
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<p>Ádám Bodors Erzählungen in dem Band „Waldohreule“ sind vielfältig. Figuren und Themen reichen von der reinen Naturschilderung, wie in „Verschneite Fußspuren“, über die Ereignisse in einer Gefängnisküche bis zu Konflikten in der Familie eines Fluchthelfers. Es gibt Schilderungen von Dorffesten, die von einer Tragödie überschattet werden, surreale Szenen von einem unbestimmten „Außenposten“, auf den eine Frau namens Gizella Weisz „befördert“ wird, wo sie nichts vorfindet außer einem verdreckten Mann in einer schäbigen Hütte. Eine andere handelt von Géza Bahleda, der nach fünfundzwanzig Jahren Gefängnis in dem Gasthof auftaucht, der ihm einst gehörte. Viele der Geschichten erinnern an den Real existierenden Sozialismus, in dem Bodor, der in Siebenbürgen zur ungarischen Minderheit gehörte, in den 1950er Jahren aus politischen Gründen inhaftiert wurde. Es sind Erzählungen über den Alltag in der Diktatur, über die vielfältigen Verstrickungen und Ambivalenzen, die, weil selten Details erwähnt werden, eine allgemeine Bedeutung haben.</p>



<p>Erzählungen sind ja nicht gerade populär. Im Gegensatz zum konventionellen Roman fällt die Identifikation mit einem Held oder einer Heldin schwer. Hat man sich gerade in eine Figur eingefühlt, ist die Geschichte schon zu Ende. Bei Bodor kommt hinzu, dass seine Protagonisten oft ambivalent sind und sich schon deshalb nicht für eine Identifikation eigenen. So wie Gizella Weisz, die in Moskau Klavier studiert, wie es in „Der Euphrat bei Babylon“ heißt, und dann in der Einöde landet, bei einem – das wird angedeutet – den das System, an das sie glaubt, in diese Einöde verbannt hat. Oder in „Reisende“, wo Géza Bahleda, der im Krieg „Juden gefangen“ hatte, mit einem Freund nach fünfundzwanzig Jahren Haft in seinen Heimatort auftaucht und sich in das Gasthaus setzt, das ihm einst gehörte. „Und Herrn Bahleda ist nichts geblieben“, sagt der Freund, „woran er hätte denken können, nur Sie sind ihm geblieben. Während der ganzen Zeit dachte er an Sie. Daran, dass er eines Tages herkommen würde, um geliebt zu werden, denn er sagte sich: Wohin sonst sollte er gehen und wo sonst wollte er geliebt werden als hier, wo man sich an ihn erinnert.“ Und dort, wo man sich mit einer Figur identifizieren kann, etwa in „Der Euphrat bei Babylon“, wo der Vater des Ich-Erzählers verhaftet wird, ist die Situation hoffnungslos.</p>



<p>Es ist wie es Walter Benjamin in seinem berühmten Erzähler-Aufsatz schreibt, dass sich diejenigen, die den Ersten Weltkrieg erlebt haben, „unter freiem Himmel in einer Landschaft [wiederfanden], in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken“. Bodor hat in einem Interview einmal gesagt, was ihn die Diktatur in Rumänien habe überleben lassen war die Natur. In vielen seiner Erzählungen wird sie eindrücklich geschildert, nicht als Ort der Hoffnung, aber als etwas verlässlich Gleichbleibendes. Das ist viel, wenn man daran denkt, dass es in „Ein Fuchs“ heißt: „Und am meisten verwunderlich daran war, dass diese Sachen einfach so, von einem Moment auf den anderen geschahen, ja, woher sollte man eigentlich wissen, was sich alles im eigenen Kopf verbirgt, nicht wahr?“</p>



<p>Die meisten Erzählungen spielen in der sozialistischen Vergangenheit Rumäniens. Und doch sind sie aktuell, in einer Zeit, in der Willkür und Gewalt immer öfter so überraschend und sinnlos hervorbrechen wie in Bodors Geschichten. Gleichzeitig gelingt es ihm, in der lakonischen Schilderung von banalen Alltagssituationen, die ganz plötzlich zu Extremsituationen mutieren, zeitlose existentielle Fragen zu stellen. Eine Antwort auf diese Fragen gibt er nicht. Das Disruptive, Fragmentarische, das sich auch in der Form der Erzählung ausdrückt, die unbeantworteten Fragen appellieren dabei an das Denken. In Zeiten, in denen das Gefühl in den Vordergrund gerückt wird, wo die Identifikation mit den Protagonisten dem Leser das Denken ersparen soll, sind sie eine große Wohltat. Und drücken wiederum ein Lebensgefühl aus, das unserer heutigen Wirklichkeit entspricht.</p>



<p class="has-text-align-right">die tageszeitung, 28. März 2026</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Bahram Moradi: Das Gewicht der anderen</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2026/01/13/bamshad-moradi-das-gewicht-der-anderen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Jan 2026 14:42:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Peyman Bamshad, Erzähler und Anti-Held aus Bahram Moradis Roman „Das Gewicht der anderen“, erinnert sich genau: Am 11. Juli 1981 ist er dreizehn Jahre und zweihundertdreiundfünfzig Tage alt, als er um zehn nach sechs über die Dokthora-Kreuzung in Maschad geht. Mitten auf der Kreuzung steht ein Jeep des iranischen Revolutionskommitees mit von innen blutbeschmierten Scheiben. [&#8230;]]]></description>
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<p>Peyman Bamshad, Erzähler und Anti-Held aus Bahram Moradis Roman „Das Gewicht der anderen“, erinnert sich genau: Am 11. Juli 1981 ist er dreizehn Jahre und zweihundertdreiundfünfzig Tage alt, als er um zehn nach sechs über die Dokthora-Kreuzung in Maschad geht. Mitten auf der Kreuzung steht ein Jeep des iranischen Revolutionskommitees mit von innen blutbeschmierten Scheiben. Doch statt weiterzugehen stellt er sich &#8211; obwohl kein großer Leser &#8211; vor das Schaufenster einer Buchhandlung und sieht sich die Auslage an. Ein Fehler, „denn in so einem Durcheinander, in dem die Straße abgeriegelt und jeder Verdächtige festgenommen wurde, da machte man sich doch aus dem Staub“. Und in der Tat wirft ihn kurz darauf ein Mann zu Boden und fesselt seine Hände. Ein bereitstehendes Auto bring ihn in das örtliche Gefängnis Vakilabad. Wo dann alle behaupten – auch die Insassen seiner Zelle &#8211; er sei gar nicht Peyman, sondern Pirouz. Pirouz Bamshad, sein älterer Bruder, der sich dem Widerstand gegen Chomeini angeschlossen hatte.</p>



<p>„In jenen Jahren waren die Menschen in zwei Gruppen eingeteilt. Jene, die Fragen stellen, und jene, die antworten mussten.“ Peyman Bamshad gehört zur letzteren Gruppe und je weniger er die Fragen nach Mitgliedern und Kontaktpersonen selbst unter der Folter beantwortet, weil er nicht Pirouz sondern Peyman ist, desto verdächtiger macht er sich. Als es ihm endlich gelingt, die Verwechslung aufzuklären, argumentiert ein neuer Richter: Niemals hätten die Institutionen des „geliebten Islam“ eine „verschärfte Behandlung“ angeordnet, wenn er nicht schuldig gewesen wäre. Der Richter verurteilt ihn zu zehn Jahren Gefängnis mit der Möglichkeit der Begnadigung. Auf Letzteres dürfen vor allem jene unter den politischen Häftlingen hoffen, die zum „geliebten Islam“, wie sich Ayatollah Chomeini in seinen Reden ausdrückte, zurückkehren.</p>



<p>Der 1996 aus dem Iran nach Deutschland geflohene Bahram Moradi erzählt die Geschichte von „Das Gewicht der anderen“ aus der Perspektive eines Jugendlichen. Seine Naivität und sein Staunen macht die Absurdität der Gewalt, mit der die fundamentalistischen Fanatiker den Iran überzogen haben und noch immer überziehen, umso deutlicher. Allerdings gilt das auch für die inhaftierten radikalen Gegner Chomeinis, von der marxistisch-leninistischen Thudeh-Partei über Anhänger des albanischen Stalinismus von Enver Hoxha bis zu den Volksmudschahedin. Auch sie träumen davon, ihre politischen Gegner mit Gewalt zu beseitigen. Viele von Peymans Zellengenossen haben aber vor allem Angst vor der Hinrichtung. Besonders über denen, die noch kein Urteil haben, schwebt die Todesstrafe wie ein Damoklesschwert. In einer Fernsehübertragung im Frühjahr 1983, die auch im Gefängnis gezeigt wird, gestehen dann wie in einem stalinistischen Schauprozess die Führer der Tudeh Partei, gegen die Interessen des Iran gearbeitet und für die Sowjetunion spioniert zu haben. Die Tudeh-Anhänger unter den politischen Gefangenen von Vakilabad sind verzweifelt.</p>



<p>Bahram Moradi entfaltet in „Das Gewicht der anderen“ ein Panorama des Lebens hinter Gittern während des Jahrzehnts nach der iranischen Revolution 1979. Selber inhaftiert und gefoltert weiß Moradi wovon er schreibt und versetzt die Erzählung seines Anti-Helden und Alter Ego Peyman Bamshad mit Sarkasmus und Ironie. Er erzählt von den Spitzeln unter ihnen, von den „Umkehrern“ zum „geliebten Islam“ und wie eines Tages ein Kaminofenarchitekt, eine virtuelle Führung durch Venedig gibt und allein durch seine Erzählung die Männer verzaubert. Wichtig ist nur der Moment, im nächsten können sie schon am Galgen hängen. Da niemand unter den Gefangenen weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hat, bekommen sie neue Namen wie: Payar, der Venezianer; Mozafar, der Philosoph; Uncle Sam.</p>



<p>Es ist erstaunlich, dass man als Leser Bahram Moradis pessimistischer Erzählung über vierhundert Seiten gespannt folgt. Peyman Bamshad überlebt in der Erzählung Moradis zwar die Massenhinrichtungen von 1988, denen Schätzungen zufolge 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind; doch er schließt sich nach seiner Entlassung traumatisiert im Keller seines Elternhauses ein, versorgt von seiner Mutter, die ihm das Essen vor die Tür stellt. Sein jüngerer Bruder, der als Soldat im Krieg gegen den Irak kämpfen musste, läuft immer wieder brüllend durchs Haus, eingeholt von seinen traumatischen Erinnerungen. Während die Freunde seiner Schwester, die die jüngste unter den Geschwistern ist, politische Hoffnungen hat, die Peyman völlig absurd vorkommen.</p>



<p>Inhaltlich berührt immer wieder die einfach Menschlichkeit der Gefangenen in ihrer hoffnungslosen Situation. Aber letztlich ist es die Schreibweise dieses Romans, die den Leser an die Geschichte fesselt. Darin besteht auch die große Kunst von Bahram Moradi: Eine Geschichte, deren Inhalt abschreckt, eine Wahrheit, von der man eigentlich nichts wissen will, so zu erzählen, dass man nicht anders kann als weiterzulesen.</p>
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		<title>Yavuz Ekinci: Die, deren Träume zerbrochen sind</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2025/12/10/yavuz-ekinci-die-deren-traeume-zerbrochen-sind/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Dec 2025 07:02:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Nicht immer ist es von Vorteil, in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal, wenn man nichts anderes will, als zu schreiben. Keine Flugblätter, keine Manifeste, sondern Romane und Erzählungen. Denn der Verfolgungswahn von Diktatoren oder solchen, die es noch werden wollen, stürzt sich irgendwann auch auf die Literatur. Die Energie, mit der Staatsanwälte dann noch den [&#8230;]]]></description>
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<p>Nicht immer ist es von Vorteil, in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal, wenn man nichts anderes will, als zu schreiben. Keine Flugblätter, keine Manifeste, sondern Romane und Erzählungen. Denn der Verfolgungswahn von Diktatoren oder solchen, die es noch werden wollen, stürzt sich irgendwann auch auf die Literatur. Die Energie, mit der Staatsanwälte dann noch den hintersinnigsten Hintersinn in einem literarischen Text erkennen wollen, scheint unerschöpflich. Manche lesen die Bücher aber auch gar nicht mehr. Ihnen reicht, wenn jemand etwas behauptet, was irgendwie eine Anklage rechtfertig.</p>



<p>Die Verfolgung des 1979 in Batman geborenen türkisch-kurdischen Schriftsteller Yavuz Ekinci durch die Erdogan-Justiz ist so ein Fall. 2018 erschien sein Roman „Die Tränen des Propheten“ mit der Geschichte von Mehdi, der glaubt, ihm sei der Erzengel Gabriel erschienen. Seitdem hält er sich für einen Propheten und zieht erfolglos vor Klimawandel und Kriegen warnend durch die Sozialen Medien und die Straßen seiner Stadt. Eine Geschichte, die die Macher der rechten islamistischen Tageszeitung „Yeni Akit“ veranlasste, Ekinci Blasphemie vorzuwerfen. Was wiederum die türkische Staatsanwaltschaft auf ihn aufmerksam machte, die ihn 2022 wegen acht Tweets, die Ekinci zwischen 2012 und 2014 auf Twitter veröffentlicht hatte, anklagte. Belanglose Äußerungen und Wünsche zum kurdischen Neujahrsfest, die aber dem Richter für einen Prozess ausreichten, bei dem Ekinci zu andertalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Ein Urteil, das bis heute nicht rechtskräftig ist.</p>



<p>Dann, im März 2023, wurde Ekincis gerade auf Deutsch erschienener Roman „Die, deren Träume zerbrochen sind“ in der Türkei wegen angeblicher Terrorpropaganda verboten und beschlagnahmt. Absurderweise war das Buch bereits seit neun Jahren im Handel und offiziell 2014 auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des türkischen Kulturministeriums vorgestellt worden. Nachdem Ekinci wegen der Anklage nun sieben Jahre Haft drohten, floh er vorübergehend nach Deutschland. Am 10. November diesen Jahres wurde das Verfahren wegen Verjährung eingestellt.</p>



<p>Es ist das erste mal, dass die Justiz Erdogans Literatur ins Visier nimmt. Alles deutet darauf hin, dass es dem türkischen Präsidenten und seiner Partei mit der Verfolgung des türkisch-kurdischen Autors darum geht, ein Exempel zu statuieren. Denn wie in „Die Tränen des Propheten“ ruft Ekinci auch in „Die, deren Träume zerbrochen sind“ in keiner Weise zu Gewalt auf. Im Gegenteil, der Roman stellt die Gewalt in Frage und ist vor allem Ausdruck des Leids im jahrzehntelangen Krieg zwischen PKK und türkischer Armee.</p>



<p>Das beginnt mit der Schilderung der Verlorenheit, in der Ismail seit achtzehn Jahren im Exil in Deutschland lebt. Nie ist sein Held und Ich-Erzähler hier richtig angekommen, nie hat er Batman, die Stadt, in der er geboren und als Lehrer gearbeitet hat, vergessen können. Aber sein Mut hat nicht ausgereicht, um sich der Guerilla anzuschließen. Nach dem Untertauchen von Yusuf trieb ihn dann die Angst vor Verhaftung und Gefängnis in die Fremde. Zuvor hatte ihn sein Vater verstoßen, der den bewaffneten Befreiungskampf ablehnt und überzeugt ist, das Ismail seinen Lieblingssohn überredet hat, in die Berge zu gehen.</p>



<p>Yavuz Ekinci lässt sich in „Die, deren Träume zerbrochen sind“ wie schon in „Die Tränen des Propheten“ von Motiven aus dem Koran inspirieren. Der Geschichte von Yusuf, dem arabischen Namen für Joseph, ist im Koran eine ganze Sure gewidmet. Und Ismail ist eine Anspielung auf den Sohn Abrahams, der als Prophet zu einem der Stammväter des Islam wurde. In Ekincis Roman kehrt Ismail nach achtzehn Jahren deutschem Exil nach Batman zurück. Sein Vater ist inzwischen alt und krank und er will noch vor seinem Tod seine Zuneigung wiedergewinnen. Dafür macht er sich auf die Suche nach Yusuf, um dem Vater das sehnlichst gewünschte Lebenszeichen seines Sohnes überbringen zu können. Denn seit er in den Bergen ist, hat die Familie kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten.</p>



<p>Über Freunde und Kontaktmänner versucht Ismail seinen Bruder hinter der irakischen Grenze aufzuspüren. Auf seinem Roadtrip mit Mini-Bussen und Pick-ups durch die Berge der Autonomen Region Kurdistan erfährt Ekincis Antiheld das ganze Elend des Kampfes zwischen PKK und türkischen Armee. Er beschreibt das Misstrauen der Menschen, die immer auf der Hut sind, damit der Feind nicht die Positionen von Guerillastellungen erfährt. In einer Nacht sucht Ismail ein Alptraum heim, in dem er gefoltert wird, weil man ihn für einen türkischen Spitzel hält. Und ein Mitreisender schimpft auf die kurdische Polizei, die an jeder Ecke den Bus gründlicher durchsuche als die türkische Armee auf der anderen Seite der Grenze. Auch der kurdische Nationalismus kommt Ismail inzwischen fremd vor.</p>



<p>Wie Mehdi in „Die Tränen des Propheten“ hat Ismail in „Die, deren Träume zerbrochen sind“ das Gefühl, unter einem Zuviel an Empathie zu leiden. Er bewundert die Enthusiasmus, mit der eine Journalistin, die ihm auf seiner Suche nach Yusuf weiterhilft, sich für die kurdische Sache einsetzt; aber ihm selbst entgleitet nach all dem Elend der Glaube an den Befreiungskampf. Stattdessen leidet er mit den drangsalierten Menschen. Schon allein deshalb ist der Roman keine Terrorpropaganda. Im Gegenteil, „Die, deren Träume zerbrochen sind“ ist ein melancholisches Buch. Eines, das das Leid und die Widersprüche im Befreiungskampf benennt. Kein Manifest, sondern ein Roman, der die Fragen, die die Wirklichkeit stellt, offen lässt. Der einfach nur gute Literatur ist.</p>



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		<title>Hu Anyan: Ich fahre Pakete aus in Peking</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2025/11/22/hu-anyan-ich-fahre-pakete-aus-in-peking/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 10:20:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Titel wie von einem Kinderbuch: „Ich fahre Pakete aus in Peking“. Als werde hier Kindern die Würde einfacher Arbeit für die Bildung einer sozialistischen Persönlichkeit nahegebracht. Und in der Tat schimmert immer wieder das maoistische Erbe in Hu Anyans Buch hindurch. Da muss der Paketdienstmitarbeiter, dessen Kunde sich über ihn beschwert hat, drei Tage [&#8230;]]]></description>
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<p>Ein Titel wie von einem Kinderbuch: „Ich fahre Pakete aus in Peking“. Als werde hier Kindern die Würde einfacher Arbeit für die Bildung einer sozialistischen Persönlichkeit nahegebracht. Und in der Tat schimmert immer wieder das maoistische Erbe in Hu Anyans Buch hindurch. Da muss der Paketdienstmitarbeiter, dessen Kunde sich über ihn beschwert hat, drei Tage lang von Depot zu Depot ziehen und vor versammelter Mannschaft einen Text mit Selbstkritik vortragen. Oder der Autor wagt es nicht, sich in einem Park in ein Teehaus zu setzten, das von lauter „alten Herrschaften“ frequentiert wird. „Leute in meinem Alter sollten unermüdlich damit beschäftigt sein, die Gesellschaft voranzubringen.“</p>



<p>1979 in Guangzhou geboren, begann Hu Anyan gleich nach der Schule zu arbeiten. Während der COVID-Pandemie postete er im Internet erste Texte über seine Arbeitserfahrungen, aus denen „Ich fahre Pakete aus in Peking“ hervorging. Inzwischen hat sich das Buch in China millionenfach verkauft und wird in fünfzehn Sprachen übersetzt.</p>



<p>Anyan beginnt mit einem Bericht über seine Arbeit in einem Logistikzentrum in Foshan. Sieben Monate war er dort als Ladungskontrolleur angestellt, ausschließlich in der Nachtschicht von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens, bei zwei freien Tagen im Monat. Das Hauptproblem, schreibt er, sei aber nicht die lange Arbeitszeit gewesen, sondern tagsüber zu schlafen. Nach verschiedenen Versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen, greift er zum „altbewährten Mittel“: Alkohol. In der titelgebenden Geschichte als Paketbote in Peking beginnen die Schwierigkeiten gleich zu Anfang, als Anyan nur ein altes elektrisches Transportdreirad zur Verfügung gestellt bekommt. Es lässt sich schlechter beladen und kostet ihn Zeit, die ihm nicht bezahlt wird. Die Kämpfe um die besten Touren, bei denen mit wenig Aufwand möglichst viele Pakete verteilen werden können, gewinnen meist die alten Hasen. Und immer wieder gibt es Kunden, die sich nicht vorstellen können, dass ein höherer Zeitaufwand für einen Boten sofort zu einem geringeren Einkommen führt.</p>



<p>Doch Jammern liegt Hu Anyan fern. Der Grund dafür sei sein Charakter, schreibt er, aber wohl auch seine späteren Erfahrung als Kleinunternehmer, der den gnadenlosen Konkurrenzkampf unter den Bekleidungsgeschäften in einem Shoppingcenter erlebt hat. „Aber glücklicherweise existieren auf dieser Welt Werte, die die utilitaristischen Regeln von Gewinn und Verlust, denen wir schon so lange Glauben schenken, transzendieren.“ Hinzu kommt, dass sich die Arbeitsbedingungen in China in den letzten zwanzig Jahren in vielen Firmen verbessert hätten.</p>



<p>„Ich fahre Pakete aus in Peking“ ist neben dem Einblick in die brutale chinesische Arbeitswelt, auf der ein großer Teil unseres Reichtums in Europa basiert, ein Entwicklungsroman. Hu Anyan liest viel – vor allem Schriftsteller aus dem Westen – und denkt über sein Schreiben nach. Manche, wie Raymond Carver, die ihn am Anfang begeistert haben, genügen ihm später nicht mehr. Er beginnt Autoren der klassischen Moderne zu lesen, Musil, Joyce und Kafka. Für sein eigenes Schreiben übernimmt er von Hemingway die Theorie des Eisbergs, wonach in einem literarischen Text nur ein Achtel erzählt werden sollte, während sieben Achtel unsichtbar unter Wasser, d.h unerzählt blieben. Die so entstehenden Leerstellen bildeten Freiräume für die Phantasie des Lesers &#8211; eine Technik, die Hu Anyan in seinem eigenen Buch gekonnt anwendet.</p>



<p>Schreiben, das ist für Anyan Selbstverwirklichung, ist Freiheit. Wobei Freiheit für ihn eher eine Frage des Bewusstseins ist, nicht etwas, das man besitzt. „Ein Bauer mit einem niedrigen Bildungsniveau wird sich kaum unfrei fühlen, obwohl der landwirtschaftliche Kalender den Rhythmus seines Jahres vorgibt, aber je gebildeter ein Mensch ist, desto komplexer ist sein Denken und desto schwieriger wird es ihm fallen, sich in seiner Arbeit frei zu fühlen.“</p>



<p>„Ich fahre Pakete aus in Peking“ ist beides: Erzählung menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen und Geschichte einer intellektuellen Emanzipation. Hu Anyans erzähltes Ich ist dabei eine Mischung aus dem charakterlosen chinesischen Menschen, wie ihn Franz Rosenzweig in seinem Buch „Stern der Erlösung“ klassisch von Konfuzius verkörpert sah, der „über alle mögliche Besonderheit des Charakters“ hinweg wischt, und dem westlichen Individuum, das sich im Lesen und Schreiben selbst verwirklicht. Es ist nicht zuletzt die Spannung zwischen diesen beiden Polen, die „Ich fahre Pakete aus in Peking“ so interessant macht.</p>



<p class="has-text-align-right">die tageszeitung, 29. November 2025</p>
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		<title>Madame Nielsen: Porträts von den Deutschen und anderen Lebewesen</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2025/11/16/madame-nielsen-portraets-von-den-deutschen-und-anderen-lebewesen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 18:00:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Die dänische Schriftstellerin Madame Nielsen ist ein Skandal. Der Mann, der einmal Claus Beck hieß und sich 2013 zur Frau erklärte, einer Frau, die, neben erfolgreichen Romanen seither immer wieder in Artikeln und Essays unerschrocken zeitgenössische Probleme angeht. Die den Leichen im Keller des Vergessens nachspürt, ob von Biografien oder von Ideen. Ein wandelnder Skandal, [&#8230;]]]></description>
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<p>Die dänische Schriftstellerin Madame Nielsen ist ein Skandal. Der Mann, der einmal Claus Beck hieß und sich 2013 zur Frau erklärte, einer Frau, die, neben erfolgreichen Romanen seither immer wieder in Artikeln und Essays unerschrocken zeitgenössische Probleme angeht. Die den Leichen im Keller des Vergessens nachspürt, ob von Biografien oder von Ideen. Ein wandelnder Skandal, der der Wahrheit zuliebe gerne Grenzen überschreitet, um mit Humor und Ironie das bequem gewordene Denken wachzurütteln.</p>



<p>Dass das nicht ganz ohne Opfer abgeht, versteht sich von selbst. Der erste, der in ihrem neuen Buch, „Porträts von den Deutschen und anderen Lebewesen“, dran glauben muss, ist ein gewisser „Herr Hille“. Er hatte Madame Nielsen offenbar während einer längeren Abwesenheit seine Berliner Altbauwohnung als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Und, wie es Madame Nielsens Art ist, die Identitäten jedweder Couleur wie ein neues Kleid überzustreifen, schlüpft sie kurzerhand in die des Herrn Hille. Weil sie ihn wenig oder gar nicht kennt, den Wohnungsschlüssel von jemand anderem übernommen hat, versucht sie sich seine/ihre Identität mit Hilfe der Wohnungseinrichtung zu rekonstruieren. Zunächst wären da mehrere Tausend Bücher, unter ihnen die Gesammelten Werke von Marx, Engels, Lenin, Mao und zahllose Bände über die sogenannte Dritte Welt. Bücher, die zum Teil auch in Madame Nielsens Bücherregal standen, als sie noch Claus Beck hieß. Auffälligerweise findet sich nichts über das 3. Reich und den Holocaust.</p>



<p>Aber nicht nur die Bücher erwecken das Interesse der Autorin. Im langen, dunklen Flur der Wohnung hängt auch ein Tryptichon, gemalt von einem afrikanischen Künstler. Es stellt wimmelbildartig eine belebte Szene in einem afrikanischen Dorf oder einer kleinen Stadt dar. Außer drei weißen Männern, die vor dem einzigen aus Stein errichteten Gebäude des Ortes stehen, befinden sich nur schwarze Menschen auf dem Bild. Alle drei sind offenbar Mitglieder einer Hilfsorganistion. „In der Dritten Welt“, so die Deutung von Madame Nielsen, „sollte die Neue Welt und dessen utopische Weltordnung stattfinden, in den ehemaligen Kolonien sollte sich die Revolution, zu der Marx, Engels, Lenin, Mao, Fanon und Che den Weg vorausgeschrieben hatten, materialisieren, das war the white man’s, der ich also war, Verantwortung und burden, er und also ich waren wortwörtlich, und sogar bildlich dargestellt, der Steuermann in dem Boot seiner, also meiner, kleinen Gruppe oder revolutionären Zelle“.</p>



<p>Aber Madame Nielsen interessiert sich nicht nur für diese, ihr nur zu bekannt vorkommende Geschichte der Linken, sondern auch für das Andere, das ihr Fremde, das Identitätsdenken. „Für ein Wesen wie mich, das etliche Leben damit verbracht hat, alle möglichen Identitäten auszuprobieren und mich von ihnen zu befreien, hat die Behauptung, dass es eine besondere deutsche oder dänische Seele gibt, alle Welt sich in »Völker« einteilen lässt und beispielsweise nur Afro-Amerikaner das historische Leid der Afro-Amerikanern schildern dürfen, ja, dass es überhaupt so etwas geben soll wie ein stabiles, authentisches »wir« etwas faszinierend Fremdes.“ Um auch hier ihren Horizont zu erweitern, trifft sie in einem Café ein junges Paar aus der Identitären Bewegung. „»Kein böses Wort!«, sage ich, »eure Visionen, ich will eure Visionen«.“ Die Antworten, die die beiden dann geben, fallen ernüchternd, aber auch erschreckend harmlos aus. Auch den AfD-Hofphilosophen Marc Jongen trifft Madame Nielsen, und auch er hat zwar viel dazu zu sagen, was alles schiefläuft in Deutschland und Europa, aber wenig, was er und die AfD eigentlich wollen.</p>



<p>Die mit diesen Treffen einhergehende Dekonstruktion rechter, aber auch linker Ideologien ist für den Freund von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in diesen, nicht gerade zu Optimismus Anlass gebenden Zeiten, erfrischend. Die Fragen, die sich aus dem Problem solcher Vereine wie der AfD und der Identitären ergeben, sind natürlich weit umfassender. Aber Madame Nielsen trifft in ihrem Buch mit ihren Beobachtungen und Kommentaren immer wieder einen Nerv, auch wenn das manchmal wehtut. In ihrer zwischen journalistischer Neugier und künstlerischer Performance oszillierenden Art holt sie Dinge ans Tageslicht, die gerne übersehen oder verschwiegen werden. Dass die mäandernden Sätze einiger Texte den Leser nicht immer dort abholen, wo er sprachlich gerade steht, kann man auf zweierlei Art deuten: als Herausforderung, durch gebotene Konzentration auf den Text im Gedanken zu bleiben oder aber man interpretiert den sprachliche Manierismus als Teil der Identität von Madame Nielsen. Denn ein identitäres Chamäleon bleibt eben ein Chamäleon und muss sich an irgendetwas festhalten.</p>
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		<item>
		<title>Bernd Cailloux: Auf Abruf</title>
		<link>https://literaturfreund.berlinerchaussee.de/2025/11/16/bernd-cailloux-auf-abruf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fokke Joel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 17:58:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Bernd Cailloux ist ein Flaneur des eigenen Lebens. Schon seit Jahrzehnten berichtet der Berliner Autor in seinen meist schmalen, aber gehaltvollen Büchern in lockerer Schreibweise von Zumutungen und Glück des Alltags. Und er tut dies auf höchst unterhaltsame, amüsante Weise, mit viel Ironie und sprachlicher Phantasie. Dass dabei die Reflexion hin zum Allgemeinen nie zu [&#8230;]]]></description>
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<p>Bernd Cailloux ist ein Flaneur des eigenen Lebens. Schon seit Jahrzehnten berichtet der Berliner Autor in seinen meist schmalen, aber gehaltvollen Büchern in lockerer Schreibweise von Zumutungen und Glück des Alltags. Und er tut dies auf höchst unterhaltsame, amüsante Weise, mit viel Ironie und sprachlicher Phantasie. Dass dabei die Reflexion hin zum Allgemeinen nie zu kurz kommt, macht seine Bücher über den individuellen Tellerrand interessant.</p>



<p>Aber auch Cailloux lebt nicht ewig. Der Mann ist dieses Jahr achtzig Jahre alt geworden! „Auf Abruf“ lautet deshalb der Titel seines neuen Buches. Ein Alterswerk, aber keins des Jammerns und der Larmoyanz. Was vor allem daran liegt, dass sich Cailloux nicht zu ernst nimmt. Allerdings ändert das wenig daran, dass sich das Ende auch bei ihm immer wieder in Erinnerung ruft. Das Kicken im Berliner Tiergarten mit den sich ewig jung fühlenden alten Herren geht irgendwie noch. Bedrohlicher sind dagegen die kurzen Ohnmachten, die früher schon mal auftraten. Aber die ließen sich küchenpsychologisch gut als Folge biografischer Blessuren wegerklären. Bei der letzten, im Supermarkt um die Ecke, reicht es allerdings nur noch mit gesammeltem Willen und großem Kraftaufwand bis nach Hause.</p>



<p>Neben diesem altersgemäßen Handlungsstrang geht es in „Auf Abruf“ noch einmal um die Situierung des Ich-Erzählers, der nicht ganz, aber doch überwiegen identisch mit dem Autor ist, um seinen Schöneberger Kiez. Hier trifft Cailloux die Freunde in der Stammkneipe und erinnert sich bei der neuerlichen Mieterhöhung an seine Anfänge in Westberlin, als die Mieten noch niedrig waren und auch sonst vieles anders. „Anspruchslos wohnen und leben, aber auf hohem Niveau diskutieren und Erfahrungen machen, sagte diese permanente Begegnungsgesellschaft und schuf eine im deutschsprachigen Raum kaum vergleichbare Kulturoase.“ Brotlose Kunst und Wissenschaft blühten, für dessen Protagonisten auf der reichlich subventionierten Insel mitten in der DDR immer noch eine Schrippe abfiel. Westberlin war für Cailloux aber auch aus anderen Gründen attraktiv: „Sein Status und andere spürbare Folgen der NS-Zeit, auch die Alltagsrealität hemmte allzu nationale Sichtweisen, neutralisierten den Blick.“ Der Fall der Mauer beendete das Ganze dann schleichend. „Immer wenn ich eine Sache begriff, war der Mahlstrom der Vereinigung längst weitergekommen, eine schreckliche Dissonanz zwischen der Geschichte und mir, eine ständige Kollapsgefahr für meine Wahrnehmungsfähigkeit. Wie hart musste dies erst für die Menschen auf der anderen Seite sein?“</p>



<p>Dass die Westberliner Zeit vorbei ist, wird von Cailloux mit gepflegter Melancholie abgehakt. Zumal ja jetzt, im Alter, andere Dinge wichtig werden. Bei der letzten Ohnmacht in der Badewanne wird es dann ernst. Callioux wacht wieder auf, kann aber plötzlich seine Beine nicht mehr bewegen. Die Glieder sind so schlaff, dass es nicht mehr für den Ausstieg reicht. In einer neuerlichen Bewusstlosigkeit beginnt er zu fantasieren, sieht sich auf einer Fahrt nach Schönberg, wo er kurz zuvor eine Lesung abgemacht hatte. In der Gästewohnung, in der er untergebracht ist, liegt er ebenfalls in der Badewanne und schafft es nicht mehr raus. Dass ihm das in Berlin, in seiner Schöneberger Wohnung passiert, erkennt er erst, als er im Krankenhaus wieder aufwacht.</p>



<p>Vielleicht ist Bernd Cailloux mit seinem, wie er es nennt, „improvisierten Leben“ nicht nur Chronist der Gegenwart und der Westberliner Vergangenheit; vielleicht ist seine kultivierte Nicht-Identität ja eine der möglichen zukünftigen Lebensformen. Eine Identität die offen und tolerant sein kann, die ihre Kraft weniger aus dem Ursprung der Herkunft als aus einem gelungenen gesellschaftlichen Zusammenleben zieht. Zum Beispiel aus der Freundschaft. Die hatte schon einmal Konjunktur, in den 1920er Jahren. „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen damals Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweis in dem Film „Die drei von der Tankstelle“. Freunde, die ja besonders dann wichtig sind, wenn man &#8211; wie Cailloux &#8211; alleine lebt. Ein Freund war es denn auch, der ihn vermisste und die Feuerwehr rief. Die ihn dann gerade noch rechtzeitig aus der Wanne zog.</p>
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