Peyman Bamshad, Erzähler und Anti-Held aus Bahram Moradis Roman „Das Gewicht der anderen“, erinnert sich genau: Am 11. Juli 1981 ist er dreizehn Jahre und zweihundertdreiundfünfzig Tage alt, als er um zehn nach sechs über die Dokthora-Kreuzung in Maschad geht. Mitten auf der Kreuzung steht ein Jeep des iranischen Revolutionskommitees mit von innen blutbeschmierten Scheiben. Doch statt weiterzugehen stellt er sich – obwohl kein großer Leser – vor das Schaufenster einer Buchhandlung und sieht sich die Auslage an. Ein Fehler, „denn in so einem Durcheinander, in dem die Straße abgeriegelt und jeder Verdächtige festgenommen wurde, da machte man sich doch aus dem Staub“. Und in der Tat wirft ihn kurz darauf ein Mann zu Boden und fesselt seine Hände. Ein bereitstehendes Auto bring ihn in das örtliche Gefängnis Vakilabad. Wo dann alle behaupten – auch die Insassen seiner Zelle – er sei gar nicht Peyman, sondern Pirouz. Pirouz Bamshad, sein älterer Bruder, der sich dem Widerstand gegen Chomeini angeschlossen hatte.
„In jenen Jahren waren die Menschen in zwei Gruppen eingeteilt. Jene, die Fragen stellen, und jene, die antworten mussten.“ Peyman Bamshad gehört zur letzteren Gruppe und je weniger er die Fragen nach Mitgliedern und Kontaktpersonen selbst unter der Folter beantwortet, weil er nicht Pirouz sondern Peyman ist, desto verdächtiger macht er sich. Als es ihm endlich gelingt, die Verwechslung aufzuklären, argumentiert ein neuer Richter: Niemals hätten die Institutionen des „geliebten Islam“ eine „verschärfte Behandlung“ angeordnet, wenn er nicht schuldig gewesen wäre. Der Richter verurteilt ihn zu zehn Jahren Gefängnis mit der Möglichkeit der Begnadigung. Auf Letzteres dürfen vor allem jene unter den politischen Häftlingen hoffen, die zum „geliebten Islam“, wie sich Ayatollah Chomeini in seinen Reden ausdrückte, zurückkehren.
Der 1996 aus dem Iran nach Deutschland geflohene Bahram Moradi erzählt die Geschichte von „Das Gewicht der anderen“ aus der Perspektive eines Jugendlichen. Seine Naivität und sein Staunen macht die Absurdität der Gewalt, mit der die fundamentalistischen Fanatiker den Iran überzogen haben und noch immer überziehen, umso deutlicher. Allerdings gilt das auch für die inhaftierten radikalen Gegner Chomeinis, von der marxistisch-leninistischen Thudeh-Partei über Anhänger des albanischen Stalinismus von Enver Hoxha bis zu den Volksmudschahedin. Auch sie träumen davon, ihre politischen Gegner mit Gewalt zu beseitigen. Viele von Peymans Zellengenossen haben aber vor allem Angst vor der Hinrichtung. Besonders über denen, die noch kein Urteil haben, schwebt die Todesstrafe wie ein Damoklesschwert. In einer Fernsehübertragung im Frühjahr 1983, die auch im Gefängnis gezeigt wird, gestehen dann wie in einem stalinistischen Schauprozess die Führer der Tudeh Partei, gegen die Interessen des Iran gearbeitet und für die Sowjetunion spioniert zu haben. Die Tudeh-Anhänger unter den politischen Gefangenen von Vakilabad sind verzweifelt.
Bahram Moradi entfaltet in „Das Gewicht der anderen“ ein Panorama des Lebens hinter Gittern während des Jahrzehnts nach der iranischen Revolution 1979. Selber inhaftiert und gefoltert weiß Moradi wovon er schreibt und versetzt die Erzählung seines Anti-Helden und Alter Ego Peyman Bamshad mit Sarkasmus und Ironie. Er erzählt von den Spitzeln unter ihnen, von den „Umkehrern“ zum „geliebten Islam“ und wie eines Tages ein Kaminofenarchitekt, eine virtuelle Führung durch Venedig gibt und allein durch seine Erzählung die Männer verzaubert. Wichtig ist nur der Moment, im nächsten können sie schon am Galgen hängen. Da niemand unter den Gefangenen weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hat, bekommen sie neue Namen wie: Payar, der Venezianer; Mozafar, der Philosoph; Uncle Sam.
Es ist erstaunlich, dass man als Leser Bahman Moradis pessimistischer Erzählung über vierhundert Seiten gespannt folgt. Peyman Bamshad überlebt in der Erzählung Moradis zwar die Massenhinrichtungen von 1988, denen Schätzungen zufolge 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind; doch er schließt sich nach seiner Entlassung traumatisiert im Keller seines Elternhauses ein, versorgt von seiner Mutter, die ihm das Essen vor die Tür stellt. Sein jüngerer Bruder, der als Soldat im Krieg gegen den Irak kämpfen musste, läuft immer wieder brüllend durchs Haus, eingeholt von seinen traumatischen Erinnerungen. Während die Freunde seiner Schwester, die die jüngste unter den Geschwistern ist, politische Hoffnungen hat, die Peyman völlig absurd vorkommen.
Inhaltlich berührt immer wieder die einfach Menschlichkeit der Gefangenen in ihrer hoffnungslosen Situation. Aber letztlich ist es die Schreibweise dieses Romans, die den Leser an die Geschichte fesselt. Darin besteht auch die große Kunst von Bahram Moradi: Eine Geschichte, deren Inhalt abschreckt, eine Wahrheit, von der man eigentlich nichts wissen will, so zu erzählen, dass man nicht anders kann als weiterzulesen.