Marcello Gori ist ein Loser. Geboren und aufgewachsen in Viareggio, einem Badeort in der Toscana, lebt der Held und Erzähler aus Dario Ferraris Roman „Die Pause ist vorbei“ immer noch bei seiner Mutter. Immerhin hat er nach zehn Jahren Studium seinen Masterabschluss in Literaturwissenschaft an der dreißig Kilometer entfernten Universität von Pisa zustande gebracht. Aber er lässt sich mit weit über Dreißig noch immer vom Leben treiben, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und trifft sich mit seinen ebenso ewig pubertierenden Freunden. Ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Letizia, die mit ihrem Medizinstudium nicht nur etwas Handfestes studiert, sondern auch noch die Zielstrebigkeit in Person ist.
Als sich Marcello dann trotz seines Alters um ein Promotionsstipendium an seiner alten Uni bewirbt und es auch noch bekommt, ist das, wie er sagt, „eine Verkettung unvorhergesehener Zufälle“. Zufällig trifft er einen alten Kommilitonen, der ihm von dem Stipendium erzählt. Und zufällig bekommt er den Zuschlag, weil die eigentlich für das Stipendium vorgesehene Kandidatin abspringt. Beworben hatte er sich überhaupt nur wegen der Aussicht auf die 1.300 Euro, die für drei Jahre monatlich auf seinem Konto eintrudeln sollen – mehr als seine Einkünfte aus den Kellner-Jobs. Aber Marcello sagt auch, dass seine „angeborene Unfähigkeit, die Folgen meiner Handlungen auch nur ansatzweise abzuschätzen“ für die Entscheidung wichtig war. Von seinem Erfolg überrumpelt, muss er dann selbstkritisch feststellen, dass er eigentlich der Letzte ist, der für solch ein Stipendium geeignet ist. Denn von Literaturwissenschaft und – noch viel wichtiger –, von den Machtkämpfen am Institut für Italianistik hat er eigentlich inzwischen keine Ahnung mehr.
Bei einem der alten Bekannten aus der Studienzeit, der an der Uni geblieben ist, informiert er sich erst mal über die aktuellen Intrigen und Gefechte am Institut. Die Tipps, wie er seinen ersten Vortrag zu gestalten hat, wer unbedingt zitiert werden muss und wen er auf keinen Fall erwähnen darf, bekommt er dabei gleich mitgeliefert. Was allerdings nicht verhindert, dass Professor Sacrosanti seinen ersten allerdings auch ein wenig größenwahnsinnigen Projektentwurf niedermacht. Die Koryphäe des Instituts ist aber ganz der gute Patriarch und macht seinem Zögling einen Alternativvorschlag. Er solle sich doch lieber mit dem Werk des linken Terroristen Tito Sella beschäftigen, der nach seiner Verhaftung in den 1970er Jahren im Gefängnis angefangen hatte, Romane zu schreiben. Besonders wichtig ist Sacrosanti dabei, dass Marcello den Nachlass Sellas, der in Paris aufbewahrt wird, berücksichtigt. Dort soll auch sein legendärer, vor dem Tod Sellas nicht mehr fertiggestellter autobiografischer Roman „Phantasima“ liegen.
Dario Ferrari erzählt von seinem Oblomow aus Viareggio mit Ironie und Humor. Die Beschreibung der feudalen und intriganten Verhältnisse an Marcellos alter Uni ist so witzig, dass der Leser kaum mehr aus dem Lachen herauskommt. Und doch ist Ironie, mit der Ferrari seinen Antihelden und den akademischen Betrieb beschreibt, kein bloßes Niedermachen; der Leser spürt, dass Marcello eine Grundsympathie für die alte Idee von der akademischen Suche nach der Wahrheit geblieben ist.
Aber trotz aller Gegenwehr Marcellos, die Pause ist irgendwann vorbei. Das Leben ist am Ende nicht ironisch, auch wenn es Ironie oft erleichtert. Entscheidungen und Verantwortung aus dem Weg zu gehen, mag eine Zeit lang gut gehen. Doch dann taucht plötzlich Letizia auf und schlägt Marcello vor, mit ihr zusammenzuziehen. Gerade sei eine Wohnung, die ihren Eltern gehört, frei geworden. Sie könnten sich dann ja auch einen Hund anschaffen, meint sie hintersinnig, weiß sie doch, dass das Marcellos sehnlichster, nie in Erfüllung gegangener Kindheitswunsch ist. „Von der Aussicht auf die Wohnung geblendet, hätte ich fast vergessen, dass »sich einen Hund anschaffen« ein Synonym für »ein Kind bekommen« ist und dass Kost und Logis keinesfalls gratis, sondern nur zum Preis der schändlichsten aller Gegenleistungen zu haben ist: erwachsen zu werden.“
Um Letzteres noch einmal aufzuschieben, hält Marcello Letizia mit einer Antwort hin, verlässt die Komfortzone um seine gleichgesinnten Freunde und geht nach Paris. Den legendären autobiografischen Roman findet er dort zwar nicht; stattdessen beginnt er aber aufgrund Sellas nachgelassenen Tagebuchaufzeichnungen den entscheidenden Moment in seinem Leben selbst zu erzählen. Dabei verschränkt Ferrari geschickt die Frage nach einer radikalen Tat mit der Kollaboration während des 2. Weltkriegs, die in einem von Sellas Romanen eine Rolle spielt, und am Ende natürlich auch mit der Passivität Marcellos. Wenn der Roman auch keine Antworten gibt, so kommt Dario Ferraris sympathischer Loser doch in seinem intelligenten und mit viel Humor geschriebenen Roman zu einer Erkenntnis, mit der weder Marcello noch der Leser gerechnet hat.
Neues Deutschland, 16. März 2026